
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُمْ مِنْ ذَكَرٍ وَأُنْثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِنْدَ اللَّهِ أَتْقَاكُمْ إِنَّ اللَّهَ عَلِيمٌ خَبِيرٌ
„O ihr Menschen! Wir haben euch fürwahr aus einem einzigen (Paar von) Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen möget (und auf diese Weise Beziehungen untereinander knüpft und zusammenarbeitet, nicht aber, damit ihr eure Unterschiede in Rasse oder gesellschaftlichem Rang zum Gegenstand des Stolzes macht und feindselige Gefühle hegt). Wahrlich, der Edelste unter euch vor Gottes Angesicht ist derjenige, der am besten ist in Frömmigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrfurcht vor Gott. Gott ist fürwahr wissend, kundig (und mit allem wohl vertraut).“[1]
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime! Unsere Predigt handelt vom „Zusammenleben und unseren Verantwortlichkeiten“.
Heute ist die Menschheit durch Technologie, Kommunikation und Wirtschaft stärker miteinander verbunden als je zuvor. Kulturen und Ideen stehen ständig miteinander in Kontakt. Unterschiedliche religiöse, kulturelle, ethnische Identitäten sind sichtbarer geworden. Dies bringt einerseits Reichtum und Vielfalt hervor, andererseits stellt es die Fähigkeit zum Zusammenleben auf die Probe.
Aufgrund von Kriegen, wirtschaftlichen Ungleichheiten und des Klimawandels nehmen Migrationsbewegungen zu. Für Migranten entstehen Herausforderungen der Anpassung und Identitätsbewahrung. Für die aufnehmenden Gesellschaften wiederum Fragen der Integration und Akzeptanz.
Wirtschaftliche Unsicherheiten, Ängste um die Sicherheit und schnelle Veränderungen verstärken in manchen Gesellschaften den Rückzug nach innen. Dadurch nehmen nationalistische und stellenweise rassistische Äußerungen zu. Außerdem entwickeln Menschen leicht Vorurteile gegenüber Gruppen, die sie nicht kennen.
Gegen diese und ähnliche Entwicklungen müssen wir alle einen Dialog, Empathie und Fähigkeiten zum Zusammenleben entwickeln, die Vorurteile überwinden.
Zwei der stärksten Begriffe in unserer Kultur, die das Zusammenleben ausdrücken, sind „Bruderschaft“ und „Nachbarschaft“. Brüderlichkeit bezeichnet im Wörterbuch Menschen, die von denselben Eltern abstammen. Im islamischen Sinne jedoch ist Brüderlichkeit ein göttliches Band zwischen Gläubigen, die denselben Glauben teilen. Dieses Band ist stärker als Bande der Abstammung, der Ethnie oder des Nutzens. Denn jene sind vergänglich; das Band des Glaubens aber ist beständig und gründet auf Gott.
Im edlen Koran heißt es:
اِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ اِخْوَةٌ فَاَصْلِحُوا بَيْنَ اَخَوَيْكُمْ وَاتَّقُوا اللّٰهَ لَعَلَّكُمْ تُرْحَمُونَ
„Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren Brüdern und fürchtet Gott, auf dass euch Barmherzigkeit erwiesen werde.“[2]
In einem Hadith heißt es hierzu: „Der Gläubige ist der Bruder des Gläubigen“[3] und brachte diese Wahrheit damit klar zum Ausdruck. Das wichtigste Element, das diese Brüderlichkeit aufrechterhält, ist die Liebe. Liebe vereint die Herzen, bringt Barmherzigkeit hervor und stärkt die Solidarität. Wo Liebe vorhanden ist, kümmern sich die Gläubigen umeinander; sie eilen dem Bedürftigen zu Hilfe, besuchen die Kranken und bemühen sich, Fehler zu verdecken.
Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) beschreibt dies wie folgt: „Die Gläubigen gleichen in ihrer gegenseitigen Liebe und Barmherzigkeit einem Körper. Wenn ein Organ dieses Körpers leidet, leiden die anderen Organe mit.“[4]
Im edlen Koran wird ausgedrückt, dass die Herzen durch Gott vereint werden:
وَأَلَّفَ بَيْنَ قُلُوبِهِمْ لَوْ أَنْفَقْتَ مَا فِي الْأَرْضِ جَمِيعًا مَا أَلَّفْتَ بَيْنَ قُلُوبِهِمْ وَلَكِنَّ اللَّهَ أَلَّفَ بَيْنَهُمْ إِنَّهُ عَزِيزٌ حَكِيمٌ
„Wenn du alles auf Erden ausgegeben hättest, hättest du ihre Herzen nicht vereinen können; doch Gott hat sie vereint.“[5]
Das bedeutet: Brüderlichkeit wird nicht nur mit Worten aufgebaut, sondern durch gelebtes Bittgebet, Liebe und Barmherzigkeit. Üble Nachrede, Misstrauen, Verletzungen und Gleichgültigkeit schwächen hingegen dieses Band. Jeder Mensch wurde unterschiedlich erschaffen. Unsere Charaktere, Kulturen und Prüfungen können verschieden sein. Doch das Ziel ist eines: die Zufriedenheit Gottes. Deshalb betrachtet der Gläubige Unterschiede nicht als Problem, sondern als Prüfung und sucht Wege der Einheit.
Geehrte Gläubige! Die Kultur des Zusammenlebens hat auch eine nach außen gerichtete Seite. Dazu gehören insbesondere Nachbarschaft, Dialog und Integration. Der Islam misst den Rechten der Nachbarn große Bedeutung bei. Unser Herr sagt:
وَاعْبُدُوا اللَّهَ وَلَا تُشْرِكُوا بِهِ شَيْئًا وَبِالْوَالِدَيْنِ إِحْسَانًا وَبِذِي الْقُرْبَى وَالْيَتَامَى وَالْمَسَاكِينِ وَالْجَارِ ذِي الْقُرْبَى وَالْجَارِ الْجُنُبِ وَالصَّاحِبِ بِالْجَنْبِ وَابْنِ السَّبِيلِ وَمَا مَلَكَتْ أَيْمَانُكُمْ إِنَّ اللَّهَ لَا يُحِبُّ مَنْ كَانَ مُخْتَالًا فَخُورًا
„Dient allein Gott und stellt Ihm nichts zur Seite. Erweist den Eltern, den Verwandten, den Waisen, den Armen, den nahen Nachbarn, den fernen Nachbarn, dem Weggefährten, den Reisenden und denjenigen, die unter eurer Verantwortung stehen, Gutes. Wahrlich, Gott liebt nicht diejenigen, die eingebildet und prahlerisch sind.“[6]
Unser Prophet Muhammed (F.s.m.i) sagte:
مَا زَالَ جِبْرِيلُ يُوصِينِي بِالْجَارِ حَتَّى ظَنَنْتُ أَنَّهُ سَيُوَرِّثُهُ
„Gabriel ermahnte mich so eindringlich hinsichtlich des Nachbarn, dass ich dachte, er würde ihn sogar zum Erben machen.“[7]
Ebenso warnte unser Prophet (F.s.m.i): „Wer seinem Nachbarn keine Sicherheit gibt, hat keinen vollkommenen Glauben.“[8]
Als Nachbarn werden Menschen bezeichnet, die ungeachtet der Religion, Sprache, des Geschlechts und der Herkunft in einem Haus oder in unmittelbarer Nähe leben, sich persönlich begegnen und sich gegenseitig mehr oder weniger schützen und versorgen.
In den rezitierten Versen und Hadithen stechen die Rechte der Nachbarn hervor, unabhängig vom Verwandtschaftsgrad oder der Entfernung, indem eine Güteerweisung befohlen wird. In diesem Fall fällt jeder, der nah oder fern, rechts oder links, vor oder hinter ihm ist, in den Geltungsbereich des Verses und verdient Güte. Das Gebot der Nächstenliebe im Koran beschränkt sich nicht darauf, seine Rechte zu beachten und zu erfüllen. Auch mit dem Nachbarn als Freund zu leben, sein Glück und seinen Kummer zu teilen, Belästigung und Bedrängnis zu vermeiden und ihn zu schützen, wenn es nötig ist, gehört zum Bereich der Güte.
Demzufolge wird in diesem Vers, in dem es heißt, man solle sich um nahe und ferne Nachbarn kümmern, das Wort „Nachbar“ ganz allgemein und ohne jede Einschränkung formuliert. Diese absolute Erwähnung erstreckt sich auf alle Nachbarn, die gläubig, oder nichtgläubig, fromm oder sündige sind. Auch freundlich oder feindlich gesinnte Nachbarn, sowie einheimische, fremde, und nahe oder ferne Nachbarn, werden umfasst. In diesem Zusammenhang obliegt es den Muslimen und Musliminnen allen Nachbarn Gutes zu tun und freundlich zu ihnen zu sein.
Werte Muslime! Nach dem Islam ist jeder Mensch ein wertvolles Geschöpf Gottes. Deshalb sollte das grundlegende Prinzip unseres Umgangs mit Menschen Respekt und das Zusammenkommen auf universellen menschlichen Werten sein. Unser erhabener Herr sagt:
قُلْ يَا أَهْلَ الْكِتَابِ تَعَالَوْا إِلَى كَلِمَةٍ سَوَاءٍ بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمْ
„Sprich: O Leute der Schrift! Kommt zu einem gemeinsamen Wort zwischen uns und euch […]“[9]
Das bedeutet: In unseren Beziehungen zu Menschen anderer Glaubensrichtungen und Kulturen ist das Wesentliche, Brücken über gemeinsame Werte zu bauen. Es ist auch eine wichtige Verantwortung, ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein, in der wir leben. Der Gläubige ist nicht von seiner Gesellschaft getrennt, sondern ein vertrauenswürdiger Teil von ihr. Wenn Menschen ihn sehen, sollen sie Frieden empfinden und sagen können: „Mit diesen Menschen kann man zusammenleben.“
Geschätzte Muslime! Beim Willen zum Zusammenleben ist die Sprache des Handelns, also das gute Vorbild, wirkungsvoller und nachhaltiger als Worte. Guter Charakter wirkt stärker als richtige Worte. Menschen erkennen unsere Religion und unsere Werte anhand unseres Verhaltens. Deshalb müssen wir auf unsere Ausdrucksweise achten, nicht verletzend, sondern konstruktiv sein und Menschen nicht voneinander entfernen, sondern einander näherbringen.
Zusammenfassend gilt:
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Kultur des Zusammenlebens auf Brüderlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit sowie auf Dialog, Harmonie und guter Nachbarschaft gründet.
Wenn wir diese Werte in unser Leben tragen, schaffen wir Vertrauen in der Gesellschaft, gewinnen Herzen und nähern uns der Zufriedenheit Gottes.
Unser Bittgebet zu unserem Herrn ist, dass Er uns zu Dienern macht, die einander lieben, einander Barmherzigkeit erweisen und ihrer Gesellschaft nützlich sind. Âmin!
[1] Sure el Ḥudschurāt 49:13
[2] Sure el Ḥudschurāt 49:10
[3] Bukhārī, Mezālim 3
[4] Bukhāri, Edep 27
[5] Sure el ʿEnfāl 8: 63
[6] Szre en Nisā 4:36
[7] Bukhāri , Edep 28
[8] Bukhārī, Edeb 29
[9] Sure Āl-i ʿImrān, 8:64