Wohlmeinung, Argwohn und das Belauern


بسم الله الرحمن الرحيم

[…]يَٓا اَيُّهَا الَّذ۪ينَ اٰمَنُوا اجْتَنِبُوا كَث۪يرًا مِنَ الظَّنِّۚ اِنَّ بَعْضَ الظَّنِّ اِثْمٌ وَلَا تَجَسَّسُوا

„O ihr, die ihr glaubt! Vermeidet häufigen Argwohn, denn mancher Argwohn ist eine schwere Sünde (die von Gott bestraft wird): Und belauert euch nicht (gegenseitig) [1]“[…]

In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es:

[…]إِيَّاكُمْ وَالظَّنَّ فَإِنَّ الظَّنَّ أَكْذَبُ الْحَدِيثِ

“Wehe dem Argwohn. Wahrlich, der Argwohn ist die größte aller Lügen[…][2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!

Gute Absicht, positives Denken und wohlwollende Sichtweise, all das umfasst der Begriff Wohlmeinung. Er bedeutet, bei der Beurteilung von Menschen und Ereignissen möglichst wohlwollend zu handeln und alles zum Guten auszulegen. Wohlmeinung, als Charaktereigenschaft eines rechtschaffenen Gläubigen, ist ein Zeichen innerer Reinheit und Lauterkeit des Herzens.

Schlechte Gedanken über andere hingegen nennt man Argwohn. Gott hat in einem Vers auf die Hässlichkeit dessen hingewiesen: „O ihr, die ihr glaubt! Vermeidet häufigen Argwohn, denn mancher Argwohn ist eine schwere Sünde (die von Gott bestraft wird) Und belauert euch nicht (gegenseitig), und sprecht nicht schlecht (über einander). Würde etwa irgendjemand von euch das Fleisch seines toten Bruders essen wollen? Ihr würdet es verabscheuen! Hütet euch vor Ungehorsam gegen Gott in Ehrfurcht vor Ihm und in Frömmigkeit. Wahrlich, Gott ist der, der für Reue großzügige Vergebung und zusätzliche Belohnung gewährt, der Barmherzige (insbesondere gegen Seine gläubigen Diener).[3]

Auch unser Prophet (F.s.m.i) sagte: „Hütet euch vor Argwohn! Denn Worte, die ohne Beweis aus Vermutungen entstehen, enthalten am meisten Unwahrheit. Spioniert nicht, forscht nicht wie Spione nach den verborgenen Zuständen der anderen, respektiert die Privatsphäre, belauscht einander nicht, tretet nicht in Konkurrenz zueinander, beneidet einander nicht, hegt keinen Groll gegeneinander und wendet euch nicht voneinander ab; o Diener Gottes, seid Brüder!“[4] Damit warnte er davor, sich von Neugier, schlechten Vermutungen und allem Verhalten fernzuhalten, das die Brüderlichkeit beschädigt.

In einem weiteren Hadith sagte unser Prophet (F.s.m.i):

„Ein Mensch, der wohlwollend denkt, zeigt damit die Schönheit seiner Dienerschaft.“
Er betrachtete aufrichtige Absicht, positives Denken und eine gute Sichtweise als Zeichen dafür, den Islam verinnerlicht zu haben und darin Tiefe zu erreichen.[5]
Während unser Prophet (F.s.m.i) die Treuebekundungen der Gefährten annahm, nahm er ihnen auch das Versprechen ab, gegenüber allen Gläubigen aufrichtig und wohlwollend zu sein.

Argwohn ist, wie Hoffnungslosigkeit, Selbstgefälligkeit und Hochmut, eine Krankheit des Herzens und eine satanische Falle, die das materielle und geistige Leben der Gesellschaft verletzt. Der Mensch sollte jeden anderen als sich selbst überlegen ansehen und, ohne das wahre Wesen und die Weisheit einer Sache zu kennen, nicht in den Fehler verfallen, das Verhalten anderer schlecht zu beurteilen.

Argwohn ist auch ein psychologisches Problem. Wer sich selbst ständig erfolgreich sieht und bewundert, wird andere niemals schätzen oder anerkennen können. Das ist eindeutig eine Krankheit. Für das Wohl der Gesellschaft sollten solche Menschen von einem qualifizierten Psychiater behandelt werden.

Imam Khādimī sagt:

„Wenn du einen Gläubigen siehst, der eine schlechte Tat begeht, urteile nicht sofort über ihn. Reibe dir die Augen und sage: Habe ich mich vielleicht geirrt? Schau noch einmal genau hin. Und wenn er es tatsächlich ist, dann bete: ‘Mein Gott, rette ihn aus diesem hässlichen Zustand und bewahre mich davor, in eine solche Sünde zu fallen!’ – und geh weiter und vergiss es.“[6]

Selbst wenn diese Person die Sünde begangen hat, kann sie sofort bereut, sich Gott zugewandt und ihre Sünden mit Tränen gereinigt haben und somit Vergebung gefunden haben. Doch derjenige, der dies beobachtet und durch Nachforschen weiter vertieft, wird jedes Mal, wenn er sich daran erinnert, wieder an diese hässliche Tat denken und sich von dieser gedanklichen Verunreinigung sowie den zerstörerischen Folgen des Argwohns nicht befreien können.

Wir sind dazu verpflichtet, wohlwollend zu denken. Auch wenn juristische Zeugenschaft im Hinblick auf gesellschaftliche Ordnung und Sicherheit eine bestimmte Bedeutung hat, gibt es im Islam keine Aufgabe, die Fehler anderer öffentlich zu machen. In der islamischen Tugend findet sich kein Platz dafür, die Fehler anderer zu suchen, sie bloßzustellen oder in Verlegenheit zu bringen. Im Gegenteil: Fehlerjagd, das Offenlegen von Sünden und das Erniedrigen von Menschen gelten als unmoralisch.

So wichtig es ist, stets wohlwollend zu denken, so wichtig ist es auch, sich von Verhalten fernzuhalten, das andere zu schlechten Vermutungen verleiten könnte. Besonders diejenigen, die Teil einer geistigen Gemeinschaft sind, sollten darauf achten. Denn eine schlechte Eigenschaft, die bei einem Muslim gesehen wird, wird oft sofort allen Muslimen oder sogar dem Islam zugeschrieben.

Gerade heute ist es daher wichtig, keinen Raum für schlechte Gedanken entstehen zu lassen. Der Prophet Muhammed (F.s.m.i) sagte in diesem Zusammenhang: „Der Satan durchströmt den Menschen unaufhörlich in seinen Adern und flüstert ihm negative Dinge ein.“[7] Diese Worte sollten uns dazu anleiten, in diesem Punkt besonders achtsam zu sein.

Auch beim wohlwollenden Urteilen oder positiven Bezeugen über andere gibt es Maßstäbe. Manchmal ist eine Person, die wir loben, noch nicht reif genug, dieses Lob zu tragen, und unsere Worte können dazu führen, dass sie überheblich wird. Das entspricht wie unser Prophet (F.s.m.i) es ausdrückte dem „Brechen ihres Nackens“.[8]

Zusammengefasst ist der Mensch ein Wesen, das sich entsprechend seiner Gedankenwelt formt. So wie er denkt, so wird er  entsprechend seinen Fähigkeiten. Wer Gutes sieht, denkt gut; wer gut denkt, lässt die Samen des Guten in seiner Seele wachsen und lebt gewissermaßen in den Paradiesen, die er in seinem Herzen schafft. So wie Erde, Luft, Wasser und ihre Elemente Einfluss auf das Wachstum von Samen haben, so beeinflussen Gedanken und Absichten die Entwicklung von Charakter und Moral des Menschen. Wie Blumen aus Samen und Vögel aus Eiern hervorgehen, entstehen edle Seelen und vollkommene Charaktere aus guten Gedanken und reinen Absichten.

Wenn ein Mensch einmal beginnt, andere ständig zu hinterfragen, wird er niemanden verschonen und jeden auf die Anklagebank setzen. Wenn er nicht von Anfang an an der Wohlmeinung festhält, kann er nicht aufhören, alles und jeden zu beschuldigen. Daher sollte jeder Mensch, während er sich selbst kritisch prüft, ohne in Hoffnungslosigkeit zu verfallen, streng mit sich sein, aber gegenüber anderen stets wohlwollend denken.

Aufgrund unserer Unreife gelingt es uns vielleicht nicht immer, über jeden Menschen wohlwollend zu denken. Doch indem wir diese Denkweise bewusst einüben, können wir sie zu einem festen Bestandteil unserer Natur machen.

Möge Gott uns gewähren, den „prophetischen Charakter“ der Wohlmeinung mit Einsicht und Weitsicht in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen. Amin!


[1] Sure el Ḥudjurāt 49:12

[2] Bukhārī, Edep 57

[3] Sure el Ḥudjurāt 49:12

[4] Bukhārī, Edeb, 57

[5] Ebū Dāwūd, Edeb 81

[6] Khādimī, Berīqa 3/459

[7] Bukhārī, Iʿtiqād, 11,12

[8] Bukhārī, Schehāda, 16

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