
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
الَّذِينَ آتَيْنَاهُمُ الْكِتَابَ يَتْلُونَهُ حَقَّ تِلَاوَتِهِ أُولَئِكَ يُؤْمِنُونَ بِهِ وَمَنْ يَكْفُرْ بِهِ فَأُولَئِكَ هُمُ الْخَاسِرُونَ
„Diejenigen, denen Wir das Buch gegeben haben, lesen es so, wie es gelesen werden soll. Sie sind es, die daran glauben. Wer es aber verleugnet, das sind die Verlierer.“[1]
In einem Hadith heißt es:
مَثَلُ الْمُؤْمِنِ الَّذِي يَقْرَأُ الْقُرْاٰنَ مَثَلُ الْأُتْرُجَّةِ رِيحُهَا طَيِّبٌ وَطَعْمُهَا طَيِّبٌ
„Das Gleichnis eines Gläubigen, der den Koran liest, ist wie das einer Zitrusfrucht: Ihr Duft ist angenehm und ihr Geschmack ist angenehm.“[2]
Verehrte Musliminnen und Muslime
Unsere Predigt handelt von den Dingen, auf die wir beim Lesen des Koran achten sollten.
Der edle Koran ist ein Buch, das in der Person unseres Propheten (F.s.m.i) an die gesamte Menschheit herabgesandt wurde. Gott, der Erhabene, wiederholt in der Sure al-Qamer denselben Vers viermal:
وَلَقَدْ يَسَّرْنَا الْقُرْآنَ لِلذِّكْرِ فَهَلْ مِنْ مُدَّكِرٍ
„Wir haben den Koran gewiss leicht gemacht zur Ermahnung. Gibt es denn jemanden, der sich ermahnen lässt?“[3]
Auch in der Sure Ṣād heißt es: „Dies ist ein gesegnetes Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit sie über seine Verse nachdenken und damit diejenigen, die Verstand besitzen, sich ermahnen lassen.“[4]
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir den Koran lesen, ihn verstehen und uns nach seinen Geboten und Verboten ausrichten.
Wenn wir mit dem Lesen bzw. Studieren des Koran beginnen, der den Menschen zur Glückseligkeit sowohl im Diesseits und im Jenseits führt, sollten wir bestimmte Ziele und eine klare innere Haltung haben. Einige dieser Ziele lassen sich wie folgt nennen:
1. Jeden Vers so lesen, als richte er sich direkt an uns
Diese Haltung ist die erste Stufe, um den weisen Koran zu verstehen und von ihm Nutzen zu ziehen. Vor allem die edlen Gefährten und die rechtschaffenen früheren Generationen lasen den Koran in dem Bewusstsein, als würde er zu ihnen selbst sprechen, als wäre jeder Vers eigens für sie herabgesandt worden oder würde gerade in diesem Moment herabgesandt. Weil sie den Koran mit diesem Bewusstsein lasen, konnten sie in höchstem Maße von ihm profitieren.
2. Den Koran um Gotts Wohlgefallen willen lesen
Der Koran öffnet seine Schätze denen, die ihn mit aufrichtigen Empfindungen, mit einem reinen Herzen und in voller Hingabe lesen. Eine solche Lektüre ist Ausdruck der Ehrfurcht gegenüber dem Besitzer dieses göttlichen Wortes. Zugleich führt sie den Menschen zu größerem Lohn.
3. Beim Lesen stets vor Augen haben, dass der Koran Wort Gottes ist
Der Koran ist eine göttliche und universale Botschaft, die uns von Gott, dem Erhabenen, gesandt wurde, um unseren Weg zu erhellen, uns unseren Herrn vorzustellen, uns zu lehren, wie wir Ihm dienen sollen, und unser Glück im Diesseits und im Jenseits zu sichern. Wer den Koran liest, sollte diese umfassenden Eigenschaften stets vor Augen haben und sich ihm mit diesem Glauben und dieser inneren Suche zuwenden.
4. Den Koran im Licht unserer Zeit neu verstehen und auslegen
Der Koran hat jedem Zeitalter etwas zu sagen. Deshalb sollte man ihn immer wieder mit dem Verständnis und dem Wissensstand der eigenen Zeit betrachten und aus ihm neue Kostbarkeiten gewinnen. Wenn wir fragen: „Was sagt uns der Koran heute? Was möchte er uns vermitteln? Wie können wir seine Verse in unserer Zeit verstehen?“, können sich aus den offenen Horizonten, die er dem menschlichen Denken eröffnet, neue Deutungen und Bedeutungen ergeben.
5. Beim Lesen des Koran besonders auf die Betonung der Einheit Gottes achten
Der Koran sollte mit Blick auf Gotts Einheit gelesen werden: dass Gott in Seinem Wesen einzig ist, dass es keinen Gott außer Ihm gibt, dass Er in Seinen Namen, Eigenschaften, Handlungen und Seinem Wirken keinen Teilhaber hat und dass Anbetung allein Ihm gebührt. Da die Einheit Gottes zu den zentralen Themen des Koran gehört, können in jedem Satz und in jedem Vers Hinweise auf diese Wahrheit liegen.
6. Den Koran mit einem ganzheitlichen Blick lesen und jeden Vers innerhalb der Gesamtheit des Koran verstehen
Dazu gehört, den Koran möglichst umfassend zu kennen. Für einen solchen ganzheitlichen Blick gibt es gewiss bestimmte Voraussetzungen. Zunächst braucht es eine gute Kenntnis der arabischen Sprache. Wer die arabische Sprache nicht beherrscht, sollte den arabischen Text zumindest zusammen mit einer zuverlässigen Übersetzung und erklärenden Anmerkungen lesen, damit der Sinn der Verse nicht oberflächlich oder losgelöst vom Zusammenhang verstanden wird. Zweitens sollte man den Koran mindestens einmal im Monat vollständig lesen. Damit sein Inhalt wie eine Landkarte vor unserem inneren Auge steht, muss er regelmäßig, konzentriert und mit innerer Sammlung gelesen werden. Eine solche Vertrautheit ist Ausdruck der Achtung gegenüber Gott, gegenüber unserem Propheten (F.s.m.i.) und gegenüber dem Koran.
7. Den Koran in dem Bewusstsein lesen, dass seine Bedeutungen vielschichtig sind, und seine weiten Sinnhorizonte nicht verengen.
Einige Koranexegeten haben dies dadurch ausgedrückt, dass sie bei den Bedeutungen, auf die die Worte des Koran hinweisen, von hunderten oder tausenden Bedeutungen gesprochen haben. So finden sich in den Risale-i Nur Werken von Bediuzzaman an vielen Stellen Formulierungen wie: „Wir werden einige von den hunderten Bedeutungen dieses Verses nennen.“ Solche Aussagen sind keine Übertreibung. Denn wir können nicht vollständig wissen, was Gott im Koran alles beabsichtigt hat und wie weit die Grenzen Seiner Absicht reichen. Auch wenn wir diese hohen Ziele in einem gewissen Maß verstehen, können wir sie nicht vollständig erfassen. Ein Koranexeget oder ein Rechtsgelehrter kann aus einem Vers hundert Bedeutungen ableiten. Ein anderer Gelehrter späterer Jahrhunderte kann diesen Bedeutungen weitere hundert hinzufügen. Der Koran stammt aus Gottes unendlichem Wissen und besitzt eine Weite, die für all diese Bedeutungen offen ist, solange die gewonnenen Deutungen mit den Regeln der arabischen Sprache, den Grundsätzen der Koranexegese und den eindeutigen Grundlagen des Koran übereinstimmen.
8. Beim Lesen erkennen, dass die im Koran erwähnten Personen und Charaktere Grundtypen darstellen, die in jeder Zeit vorkommen können
Der Koran gibt wichtige Hinweise auf die Psychologie und den Charakter von Gesellschaften. Auf der einen Seite zeigt er Menschen und Gemeinschaften, die glauben, für ihren Glauben Verantwortung und Prüfungen auf sich nehmen und sogar den Lauf der Geschichte prägen. Auf der anderen Seite stellt er Menschen dar, die trotz der vernünftigen Beweise im Menschen selbst und im Universum nicht glauben, auf ihrem Unglauben beharren und Gläubige von ihrem Weg abhalten wollen. Daneben beschreibt er Menschen, die äußerlich den Anschein des Glaubens erwecken, innerlich aber in den dunklen Tiefen der Leugnung leben, für Verderben offen sind, schwanken und doppelzüngig handeln. In einer allgemeinen Einteilung bezeichnen wir diese Menschentypen als Gläubige, Ungläubige und Heuchler. Auch sie haben wiederum unterschiedliche Ausprägungen. Diese Menschen- und Gesellschaftstypen hat es in jeder Zeit gegeben und wird es weiterhin geben. Ein Gläubiger sollte beim Lesen des Koran diese Charaktere vor Augen haben, daran denken, dass sie auch in seiner Zeit auftreten können, und daraus ableiten, wie er sich verhalten, an wessen Seite er stehen und welche Haltung er einnehmen soll. Zugleich sollte er sich davor hüten, solche Charaktereigenschaften auch bei sich selbst für unmöglich zu halten.
9. Den Koran frei von Vorurteilen und Zweifeln lesen und sich ihm mit dem Bewusstsein der eigenen Bedürftigkeit zuwenden
Der edle Koran ist das Wort Dessen, der alle Zeiten und alles, was gewesen ist und sein wird, umfasst. Man sollte ihn als ein heiliges Buch lesen, das Lösungen für alle grundlegenden Fragen des Menschen enthält. Der Koran öffnet seine Schätze denen, die sich ihm mit Glauben, Hingabe und Aufrichtigkeit zuwenden. Wer ihn hingegen in enge geschichtliche Deutungsmuster einschließt oder daran zweifelt, dass er auch für die Probleme unserer Zeit Orientierung geben kann, wird von ihm nicht wirklich profitieren.
Der Koran enthält Wegweisung für persönliche, familiäre und gesellschaftliche Anliegen. Entscheidend ist, dass wir uns ihm mit dieser Überzeugung und dieser Haltung nähern. Dass in den letzten Jahrhunderten für viele Probleme keine tragfähigen Lösungen gefunden wurden, liegt nicht – Gott bewahre – an einem Mangel des Koran, sondern an unserer eigenen Entfernung von ihm, an der Verengung unseres Blickes und daran, dass wir die Heilmittel für unsere Schwierigkeiten an anderen Orten gesucht haben.
Wie glücklich sind diejenigen, die jeden Augenblick als Gelegenheit sehen, den Koran zu lesen und zu verstehen. Frohe Kunde denen, die das, was sie aus dem Koran verstanden haben, in ihr Leben tragen.
[1] Sure al-Baqara; 2:121
[2] Bukhārī, Fedāilu el-Qur’ān 17, 26
[3] Sure al-Qamer, 54:17, 22, 32, 4
[4] Sure Sād; 38:29