Standhaftigkeit

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

ثُمَّ رَدَدْنَاهُ اَسْفَلَ سَافِلينَۙ  لَقَدْ خَلَقْنَا الْاِنْسَانَ في اَحْسَنِ تَقْويمٍۘ

4. Wahrlich, Wir haben den Menschen in schönster Gestalt erschaffen (als vollkommenes Musterbeispiel der Schöpfung); 5. Dann lassen Wir ihn in die tiefste Erniedrigung absinken[1]

          لاَ يَزَالُ قَلْبُ الكَبِيرِ شَابًّا فِي اثْنَتَيْنِ فِي حُبِّ الدُّنْيَا وَطُولِ الأَمَلِ  

In der Überlieferung des Propheten (F.s.m.i) heißt es: “Das Herz eines alten Menschen bleibt in zweien jung: In der Liebe zu Welt und nach einem lang ersehten Leben.“[2]

Standfestigkeit bedeutet, dass ein Gläubiger im Glauben gefestigt, in seinen Taten beständig und von Sehnsucht erfüllt ist; in seiner Verbindung zu seinem Herrn stark bleibt; für Lernen und Entwicklung offen ist; sensibel im Hinblick auf Harmonie und Disziplin ist; sich vom Verbotenen fernhält und stets bereit ist, die Schönheiten des Islams bekannt zu machen.

Diese Standhaftigkeit erreichte ihren Höhepunkt beim Propheten (F.s.m.i.) und seinen Gefährten (Gott habe Wohlgefallen an ihnen). Ihr Ziel war einzig und allein Aufrichtigkeit, das Wohlgefallen Gottes und die Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott.

Die Standfestigkeit zu bewahren, ist schwieriger als es zunächst zu erlangen. Es können Dinge wie Stellung und Ansehen auftauchen, die einen schwindeln lassen. Wir können in die Lage geraten, aus Furcht gewisse Zugeständnisse bei unseren Werten machen zu müssen. Wir können den Krankheiten wie Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit anheimfallen. Gefühle wie üble Nachrede, abfällige Kritik, Neid und Eifersucht können dazwischenkommen. All das kann zu einem Verlust der Standhaftigkeit führen.

Wenn wir uns von solchen Krankheiten nicht befreien, können auch das, was wir lesen und hören, uns nicht ausreichend nützen.Ein Mensch kann, im Dienst eines Ideals eine Zeit lang ein aktives und bewegtes Leben führen und sich dann aus verschiedenen Gründen und Beweggründen plötzlich in einem Umfeld wiederfinden, das fern von Bewegung und Tatkraft ist. Ja, er kann sich sogar dem Gefühl hingeben, als sei er an den Rand gedrängt und ohne Aufgabe geworden.

Um sich aus einer solchen negativen Atmosphäre zu befreien, gibt es einerseits Mittel, die der Mensch selbst ergreifen kann, andererseits aber auch Pflichten und Verantwortungen seiner Weggefährten als gläubige Menschen. Wenn jemand in Untätigkeit und Passivität verfällt, sollten die Menschen in seiner Umgebungsofort eingreifen und ihm beistehen.Eine Person, die unter Erschöpfung leidet, wieder zu neuem Leben zu erwecken, sie zur Lebendigkeit zurückzuführen, ist eine Pflicht für die Mitglieder jener Gemeinschaft, die sich diese Aufgabe zu eigen gemacht hat. Dafür sollte je nach Fähigkeit, Kraft und Belastbarkeit jedem unbedingt eine Aufgabe oder Aktivität angeboten werden, die er tragen kann. Denn sich unter eine Verantwortung zu stellen, ist ein sehr wichtiger Weg, ein Heilmittel, um der Trägheit und Lethargie zu entkommen.

Um in den Herzen neue Begeisterung zu wecken und die Gefühle von Liebe und Sehnsucht zu beleben, sollte man diejenigen, die der Trägheit und Untätigkeit verfallen sind oder ihre frühere Dynamik verloren haben, an Orte in verschiedenen Ländern einladen und mitnehmen, an denen lebendige und schöne Dienste verrichtet werden. Wer segensreiche Dienste miterlebt, dem zerreißt der Schleier der Gewohnheit; die Gefühle erneuern sich, und die Herzen füllen sich mit Begeisterung und Sehnsucht.

Als Grundregel gilt: Richtiges Handeln und gute Werke sind nur möglich, wenn man richtige Entscheidungen trifft. In einer Zeit jedoch, in der wir auf dem Weg des Glaubens und im Dienst an der Menschheit auf jeden Tropfen Einsatz und Mühe angewiesen sind, zeigt sich bei demjenigen, der sich Trägheit und Bequemlichkeit, Passivität und Lethargie hingibt, im Grunde ein Problem der Standfestigkeit im Glauben und im Denken.

In einem solchen Fall gilt es, sich immer wieder an die innige Gemeinschaft im Gedenken an den Geliebten – nämlich Gott – zu erinnern, zusammenzukommen, um solche Fragen zu besprechen, und beständig nach Tiefe und Weite zu streben.

Wollen wir die verlorene Standfestigkeit wiedererlangen, die Liebe und Sehnsucht der Menschen neu beleben und uns sammeln und ordnen, müssen wir Folgendes tun: Wir sollten uns, wie die Ersten der Reihe, erneut der Wissenschaft, der Forschung und der Liebe zur Wahrheit öffnen, unsere Verbindung zu den Quellen geistiger Nahrung festigen und in jedem die Sehnsucht danach zu wecken versuchen. Das eigentliche Problem besteht nämlich darin, dass wir in Bezug auf geistige Nahrung hinterherhinken.

Niemand sollte sagen: „Mir passiert schon nichts!“ – das Beispiel von ʿUbeydullāh ibn Djaḥsch darf niemals vergessen werden. Er war der Vetter des Propheten (F.s.m.i.) und der Bruder unserer Mutter Zeyneb (möge Gott mit ihr zufrieden sein). Er gehörte zu den ersten Muslimen und wanderte nach Abessinien aus.

Doch mit einem Unterschied: Er kam zum Stillstand und sein inneres Feuer erlosch. Das heißt, seine Verbindung nach Mekka war abgebrochen, weder die Offenbarung noch Nachrichten vom Propheten hatten für ihn noch Bedeutung. Zudem trennte er sich von seinen Weggefährten in Abessinien, stellte den Gruß und die Gemeinschaft ein und zog die Einsamkeit vor. Nach den Worten des geliebten Propheten ist aber derjenige, der allein bleibt, der Gefährte des Satans. So wurde auch ʿUbeydullāh ibn Djaḥsch zum Ziel des Satans und verfiel dem Alkohol. Und wiederum sagte unser Prophet (F.s.m.i), dass Alkohol die Mutter aller Übel ist. Damit war Ibn Djaḥsch nun ein potenzielles Ziel für jede Art von Verfehlung.

Verehrte Gläubige!

Das Wesentliche ist die Standhaftigkeit. Für Menschen, die sie besitzen, gibt es kein unlösbares Problem. Solange man diese Standhaftigkeit nicht erlangt, bleiben die Türen verschlossen; die Probleme lösen sich nicht.

Die Menschen hinter dem Propheten Mose (F.s.m.i) hatten diese Standhaftigkeit nicht erlangt. So verbrachten sie vierzig Jahre in der Wüste – gleichsam auf einem spirituellen Weg zu Gott –, um Standhaftigkeit zu gewinnen. Danach machten sie Fortschritte, gingen weiter und zogen gemeinsam mit der Gemeinschaft, in deren Mitte sich unser Herr Josua, Sohn des Nun, befand, in die al-Aqsa-Moschee ein. Nachdem sie die Standhaftigkeit erlangt hatten, öffnete Gott die Tore weit.

In einer Zeit, in der Respekt vor dem Islam und das Gefühl der Brüderlichkeit zerstört sind, brauchen wir eine solche Standhaftigkeit, die uns befähigt, selbst wenn Weltuntergänge hereinbrechen, Isrāfīl in das Horn bläst und die Gestirne des Himmels wie Meteoriten auf uns herabregnen, unbeirrt auf dem rechten Weg weiterzugehen, ohne uns umzusehen. Vielleicht werden einige von uns unterwegs ausfallen. Doch wir dürfen niemals davon ablassen, dafür zu arbeiten, dass die Herzen mit Gott zusammenfinden, indem wir die Diamantprinzipien aus Koran und Sunna zu Lebensgrundsätzen machen und die Hindernisse zwischen den Menschen und Gott beseitigen. Mit Gottes Erlaubnis und Hilfe werden sich die Probleme nur auf diese Weise lösen.

Das Morgen kommender Generationen – ihre Standhaftigkeit und ihr Glück – wird das Ergebnis der selbstlosen Hingabe und des Atems von heute sein. Von den trägen, zerstreuten und dem Wohlleben verfallenen Massen von heute ein vollkommenes und geordnetes Morgen zu erwarten, ist nichts als Täuschung und Selbstberuhigung.

Die unheilbar scheinenden Leiden der Welt und die unlösbar wirkenden Probleme lassen sich nur durch Standhaftigkeit bewältigen. Die Lösung der sich türmenden persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und internationalen Probleme erfordert Standhaftigkeit. Die erhabenen Propheten haben sich geradezu aufgerieben, um diese Standhaftigkeit in den Menschen hervorzubringen und sichtbar zu machen.

Möge mein Herr uns gewähren, unsere Standhaftigkeit zu bewahren – indem wir aus unseren Quellen geistiger Nahrung schöpfen, das kollektive Bewusstsein nicht verlassen und in segensreichen Diensten beständig aktiv bleiben.


[1] Sure et Tīn 95:4-5

[2] Bukhārī, Riqāq 5

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