
بسم الله الرحمن الرحيم
وَمَا أَرْسَلْنَاكَ إِلاَّ رَحْمَةً لِلْعَالَمِينَ
„Wir haben dich (o Muhammed) nur als unvergleichliche Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“[1]
In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es:
اِرْحَمُوا مَنْ في الْأَرْضِ يَرْحَمْكُمْ مَنْ في السَّمَاءِ
„Seid barmherzig zu denen auf der Erde, sodass die im Himmel barmherzig zu euch sind.“[2]
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!
Unsere heutige Predigt handelt von der sanften Sprache und dem milden Auftreten als Zeichen der Barmherzigkeit.
Der Weg, mit Menschen in Beziehung zu treten, führt über eine freundliche Wortwahl und ein sanftes Verhalten. Wenn wir möchten, dass unsere Gesprächspartner ganz oder teilweise von dem profitieren, was wir ihnen vermitteln, Sympathie für uns empfinden oder uns zumindest nicht ablehnend gegenüberstehen und sogar denen entgegentreten, die gegen uns handeln, dann müssen wir ruhig und milde vorgehen, Brücken zwischen uns bauen und dafür sorgen, dass man uns richtig kennenlernt.
Wenn wir das strahlende Antlitz des Islams sichtbar machen und das aus unseren geistigen und sinnbildenden Wurzeln hervorgegangene Wesen in die Herzen anderer tragen wollen, dann müssen wir ohne jede Unterscheidung allen unser Herz öffnen und alle umarmen.
Obwohl Milde und Sanftmut grundsätzlich die Basis unseres Lebens bilden, gibt es dort eine Grenze, wo die Würde der Wahrheit und die Rechte der Menschen berührt werden.
Gegenüber Personen, die ohne Scham immer wieder auf denselben Fehlern und Verfehlungen beharren, Warnungen ignorieren und keinen Rat annehmen, Haltung zu zeigen, ist ebenfalls ein Ausdruck dafür, die Würde der Wahrheit hochzuhalten. Wenn solche Menschen zudem die Rechte anderer missachten, Schaden verursachen, Zwietracht in der Gesellschaft säen und den sozialen Frieden stören, dann ist es eine Pflicht aus Respekt vor den Rechten der übrigen Menschen, dem Einhalt zu gebieten. Grundsätzlich jedoch ist die Moral des Gläubigen von Milde und Sanftheit geprägt.
Lassen wir das Thema anhand von Beispielen aus dem Koran noch verständlicher werden.
Gott spricht zu Mose und Aaron mit den Worten:
„So sprecht zu ihm in sanfter Weise; vielleicht besinnt er sich oder zeigt Ehrfurcht.“[3]
Damit wird uns ein prophetischer Stil vor Augen geführt.
Mit diesem Vers weist der Koran darauf hin, dass selbst dann, wenn der Angesprochene jemand wie der Pharao ist, dessen Herz und Verstand dem Glauben verschlossen sind, der sein Volk in Klassen einteilt, das Volk des Mose als Sklaven betrachtet, ihre Männer töten lässt, um sie zu schwächen und zu unterdrücken, und der so hochmütig ist, dass er sagt: „Ich bin euer höchster Herr!“ [4], selbst dann Wahrheit und Wirklichkeit mit sanften Worten vermittelt werden sollen. In gewisser Weise pflanzte Gott damit sogar in die Herzen der Propheten die Hoffnung, dass selbst der Pharao Rechtleitung erlangen könnte.
Ein besonders bemerkenswerter Punkt ist hierbei, dass der Koran das Nachdenken des Pharaos und seine Gottesfurcht ausdrücklich an „sanfte Worte und eine freundliche Sprache“ knüpft. Betrachtet man den Vers in seiner gegenteiligen Bedeutung, lässt sich daraus folgern: „Wenn ihr ihn hart angeht, wird er weder nachdenken noch Ehrfurcht zeigen.“
Für uns bedeutet das unabhängig davon, wer unser Gegenüber ist, sind Milde und Nachsicht unverzichtbare Voraussetzungen, um überhaupt etwas vermitteln zu können.
Auch heute ist jeder gläubige Mensch verpflichtet, den gläubigen Stil, dessen Grundlagen durch islamische Etikette festgelegt sind, selbst gegenüber den hoffnungslosesten Menschen und in den bittersten Situationen unverändert beizubehalten. Daher muss auch der Gläubige, wenn er angesichts einer Ungerechtigkeit Zorn empfindet, diesen in einer Weise zum Ausdruck bringen, die seiner Würde entspricht, in einem prophetischen Stil.
Gott offenbart nach Uhud folgenden Vers:
„Durch Gottes Barmherzigkeit warst du sanft zu ihnen. Wärst du grob und hartherzig gewesen, wären sie von dir fortgelaufen. So verzeih ihnen, bitte Gott für sie um Vergebung und berate dich mit ihnen in dieser Angelegenheit. Wenn du dann entschlossen bist, so vertraue auf Gott. Gewiss, Gott liebt die Vertrauenden.“[5]
Wie bekannt ist, kam es in Uhud zunächst zu einer vorübergehenden Niederlage, die jedoch letztlich in einem Sieg mündete. Der Gesandte Gottes (F.s.m.i.) hatte vor dem Auszug nach Uhud seine Gefährten konsultiert und im Sinne der Verankerung des Beratungsprinzips entsprechend ihren Ansichten gehandelt. Doch aufgrund dessen, dass einige Gefährten die Feinheit des Gehorsams noch nicht vollständig verinnerlicht hatten und ihre Posten verließen, kam es zu einer zeitweiligen Niederlage, in deren Folge schwere Verluste entstanden und siebzig Gefährte fielen.
Angesichts einer solchen Situation, in der sich beim Gesandten Gottes (F.s.m.i.) verständlicherweise ein Gefühl der Bitterkeit hätte einstellen können, forderte Gott ihn dazu auf, mit Vergebung und Nachsicht zu handeln, für sie um Vergebung zu bitten und sie erneut zu konsultieren, was weiter zu tun sei.
Wenn wir also in den Augen unserer Mitmenschen zu einem Anziehungspunkt werden wollen, dürfen wir uns niemals von sanftem Verhalten, mildem Auftreten und freundlicher Sprache entfernen. Denn wie der Vers deutlich macht, vertreiben grobe und harte Umgangsformen die Menschen aus unserer Nähe.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Wie in allen Angelegenheiten ist auch hier der Maßstab der göttliche Charakter, den die Propheten vorgelebt haben. Wenn Gott selbst Mose und Aaron befiehlt, gegenüber einem Pharao, der den Anspruch auf Göttlichkeit erhebt, einen sanften Stil zu verwenden, und wenn Er den Propheten Muhammed (F.s.m.i.) aufgrund seiner Milde und seiner freundlichen Sprache lobt und würdigt, dann ist klar, dass dies zu jeder Zeit die grundlegende göttliche Disziplin ist. Folglich sind die Gläubigen unter allen Umständen verpflichtet, den Menschen stets mit Milde zu begegnen.
Möge mein Herr uns dazu befähigen, in sanfter Haltung, sanftem Zustand, sanften Worten, sanftem Herzen und sanftem Gewissen zu leben.
[1] Sure el ʾEnbiyā 21:107
[2] Tirmidhī , Birr 16
[3] Sure Ṭahe 20:44
[4] Sure en Nāziʿāt 79:24
[5] Sure ʾāl ʿImrān 3: 159