
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
مَنْ كَانَ يُرِيدُ الْعِزَّةَ فَلِلَّهِ الْعِزَّةُ جَمِيعًا إِلَيْهِ يَصْعَدُ الْكَلِمُ الطَّيِّبُ وَالْعَمَلُ الصَّالِحُ يَرْفَعُهُ وَالَّذِينَ يَمْكُرُونَ السَّيِّئَاتِ لَهُمْ عَذَابٌ شَدِيدٌ وَمَكْرُ أُولَئِكَ هُوَ يَبُورُ
„Wenn immer einer die Macht anstrebt, so gehört alle Macht Gott. Zu Ihm steigt das gute Wort hinauf, und die rechtschaffene Tat hebt Er (zu sich) empor. Und für diejenigen, die Ränke böser Taten schmieden, wird es strenge Strafe geben, und die Ränke jener werden zu Fall kommen.“[1]
مَنْ أَخْلَصَ لِلّهِ العبادةَ أَرْبَعِينَ صَباحًا ظَهَرَتْ يَنابيعُ الحِكْمَةِ مِنْ قَلْبِهِ عَلَى لِسَانِهِِ
„Wer vierzig Morgen lang den Gottesdienst aufrichtig für Gott verrichtet (in der Gemeinschaft), bei dem werden die Quellen der Weisheit aus seinem Herzen auf seiner Zunge sichtbar.“[2]
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!
Unsere heutige Predigt handelt von der Repräsentation der Wahrheiten durch das Auftreten und der Sprache des Herzens. Im Islam sind Taten und Verhalten die eigentliche Grundlage. Was die Menschen beeindruckt und bewegt, sind ebenfalls der Zustand und die Haltung. Der Gesandte Gottes (F.s.m.i.) hat, während er die Menschen zur Dienerschaft gegenüber Gott eingeladen hat, stets selbst die schönste Form dieser Dienerschaft verkörpert. Er (F.s.m.i) hat das, was er sagte und predigte, in einer Weise repräsentiert, dass ein Mensch, der ihn sah, keiner weiteren Beweise für die Existenz des erhabenen Gottes bedurfte. Ja, oft genügte es schon, ihn (F.s.m.i) nur zu sehen, um seine Prophetenschaft anzuerkennen. Sein gesamtes Wesen war in einer solchen Weise von Jenseitigkeit erfüllt, dass selbst ein jüdischer Gelehrter wie ʿAbdullāh ibn Selām, nachdem er ihn nur ein einziges Mal gesehen hatte, sagte: „In diesem Gesicht liegt keine Lüge; der Besitzer dieses Gesichts kann nur der Gesandte Gott sein“, und nahm den Glauben an.
Die einzige Bedingung, um in die Herzen einzudringen, auf andere einzuwirken und sich einen Platz in den Seelen zu schaffen, ist so, wie es der Gesandte Gottes (F.s.m.i) tat, dass das Gesagte zuerst vom Sprechenden selbst gelebt wird.
Das Geheimnis, weshalb die elf Jünger Jesu (Friede sei mit ihm) in der ganzen Welt wirksam wurden, liegt in der Glaubwürdigkeit ihres Lebenswandels und in ihrer Aufrichtigkeit. Der wichtigste Grund, warum unsere verehrten Gefährten des Propheten (Gottes Wohlgefallen mit ihnen) in so kurzer Zeit überall, wohin sie kamen, wohlwollend aufgenommen wurden, waren ihre wahrhaft gläubigen Haltungen. Die Jünger Jesu wie auch die edlen Gefährten kannten zu der Zeit, als sie mit verschiedenen Völkern in Kontakt traten und ihnen das Recht und die Wahrheit erklärten, weder deren Sprachen noch waren sie mit deren Kulturen vertraut. Doch allein durch ihren Zustand, ihre Haltung und ihr Verhalten gelang es ihnen, die Wahrheiten zu vermitteln.
Ein Gläubiger muss daher voller Aufrichtigkeit und aus tiefstem Herzen glauben und muss so handeln, als ob er Gott den Erhabenen jederzeit sähe, und die Ehrfurcht darüber, von Ihm gesehen zu werden, auf sich tragen. Die nachkommenden Generationen sollten in ihnen ernsthafte Menschen sehen, die von Herzen glauben und ihren Glauben in ihr Verhalten und ihre Haltung eingewoben haben.
Einem wahrhaftigen Gläubigen sollte es genügen, durch seine Haltung, seine Art zu sprechen, seinen Blick und sein Auftreten zu überzeugen, ohne dass er viel erklären muss. Das eigentliche Zentrum des Lebens ist das Innere des Menschen, sein Herz und seine inneren Tiefen. Wenn diese nach außen dringen, machen sie sich bemerkbar, so wie die inneren Mechanismen einer Uhr, Zeiger und Zifferblatt in Bewegung setzen. Wenn wir unsere Zunge aus den sprudelnden Quellen der Weisheit unseres Herzens nähren und die von Gott kommenden Gaben zum Ausdruck bringen, dann fließen von unserer Zunge stets wahre Worte. In diesem Fall wird es für unsere Worte auch jenseits keine Last und keine Abrechnung geben. Denn unsere Sprache ist dann zur Sprache des Herzens geworden, und unser Ausdruck hat wahre Segenskraft erlangt.
Wenn die Sprache des Herzens stärker wird und unser Bewusstsein, unser Verständnis und unseren Willen beeinflusst, dann beginnen unsere Worte ganz und gar zum Klang und Atem des Jenseits zu werden. So verwandelt sich unsere Zunge in eine Herzenssprache und unser Ausdruck in die Sprache des inneren Zustands. Und gerade eine solche Sprache des Herzens und des Zustands ist es, die auf die Menschen wirkt.
Die Bedeutungen, die in unser Herz fließen, wirken zunächst auf uns selbst ein und erfüllen unser Herz mit Ehrfurcht. Wer Ehrfurcht im Herzen trägt, dessen Haltung und Verhalten sind ebenfalls von Ehrfurcht geprägt. Ein Mensch, der diese innere und äußere Einheit erreicht, vermittelt mit seiner Zunge ebenso wie mit seinem Zustand Recht und Wahrheit und erinnert die Menschen, die ihn sehen, an Gott.
Eines Tages fragte der Gesandte Gottes (F.s.m.i):
„Soll ich euch den Besten unter euch nennen?“ Die edlen Gefährten sagten: „Ja, teile es uns mit, o Gesandter Gottes!“ Da sprach unser Prophet (F.s.m.i): „Die Besten unter euch sind diejenigen, die, wenn man sie sieht, an Gott erinnern.“[3]
Ein Mensch, aus dessen Herzen Quellen der Weisheit zu seiner Zunge fließen, beginnt Feinheiten wahrzunehmen, die bisher niemandem aufgefallen sind. Er bringt Wahrheiten zum Ausdruck, die andere nicht erfassen konnten, und spricht Worte, die niemand zuvor gesagt hat. Aus seiner Zunge tropfen Perlen der Weisheit, und jedes seiner Worte wird, oft auf unerwartete Weise, zum Heilmittel für den Kummer eines Menschen.
Das Defizit der islamischen Welt ist nicht Wissen, nicht Technik, nicht Reichtum. All dies hat jeweils seine Wirkung; doch wenn es etwas gibt, das wir als das wirklich Wirksame bezeichnen können, dann ist es der innere Zustand, die Tiefe der Qualität, eine weite Herzenswelt, die selbst das Sitzen und Aufstehen, das Gehen und Stehen prägt. Ein wichtiger Punkt, den wir hier nicht übersehen dürfen, ist folgender: Gott, der Erhabene, sagt: „O ihr, die ihr glaubt! Warum sagt ihr, was ihr nicht tut? Es ist eine schwere Sache vor Gott, dass ihr sagt, was ihr nicht tut.“ [4]
Missverstehen wir den Vers nicht: Der edle Vers sagt im Ton der Rüge, indem er fragt „Warum? Wieso?“, nicht: „Erzählt ja nicht von dem, was ihr nicht lebt!“ Vielmehr sagt er: „Wenn ihr schon etwas sagt und als Sprachrohr der Wahrheit auftretet, warum sind dann eure Taten nicht ebenfalls ein Sprachrohr für sie? Etwas zu sagen und es nicht zu tun, ist bei Gott ein Verhalten, das Seinen Zorn nach sich zieht.“ Das bedeutet: Er verlangt nicht, dass jemand, der das, was er erzählt, nicht lebt, überhaupt nicht reden soll. Vielmehr betont er, dass derjenige, der spricht, die Entschlossenheit haben muss, das von ihm Gesagte auch umzusetzen. Denn das Leben und das Erzählen sind jeweils eigene Arten von Gottesdienst. Wer beides vernachlässigt, trägt die Last zweier Sünden; wer nur eines vernachlässigt, bleibt wenigstens mit einer Sünde und der Wirkungslosigkeit zurück.
Geehrte Gläubige!
Wer die Welt verbessern möchte, muss zuerst sich selbst verbessern. Ja, zuerst muss er sein Inneres von Hass, Neid und Missgunst reinigen und sein Äußeres von allen ungehörigen Verhaltensweisen frei halten, damit er seinem Umfeld ein Vorbild sein kann. Wer sein Inneres nicht kontrolliert, nicht mit seinem eigenen Nefs gekämpft und nicht die Herrschaft über seine Gefühlswelt errungen hat, dessen Botschaften werden, mögen sie auch noch so glänzend erscheinen, in den Seelen keine echte Ergriffenheit wecken, und wenn doch, dann keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Wissen ist das eine, es zu leben, es zu empfinden und aus Empfindung heraus zu verkünden, ist etwas anderes. Wollen wir jemandem die Notwendigkeit des Weinens darlegen, so müssen wir selbst zunächst nachts aufstehen und so lange weinen, bis wir unseren Gebetsteppich mit Tränen benetzt haben. Erst dann werden die Worte, die wir am Tag darauf sprechen, eine Wirkung entfalten, die uns selbst in Erstaunen versetzen wird.
„Das zu erzählen, was man lebt, und das zu leben, was man erzählt“ sollte zu den wichtigsten Prinzipien eines Gläubigen gehören. Zu Worten und Taten, die nicht aufrichtig sind, verleiht Gott der Erhabene weder Segenskraft noch Wirkung. Alle Aussagen, die nicht zur Sprache des Herzens geworden und nicht mit der Sprache des Auftretens gefärbt sind, können, mögen sie auch noch so glänzend erscheinen, dennoch keine bleibende Wirkung auf die Seelen ausüben. Gott hat den geheimnisvollen Schlüssel, die Menschen zu Ihm hinführen, der Sprache des Herzens und der Sprache des Zustands verliehen.
In unserer Religion ist das „Sein“ wichtig, nicht das „Scheinen“. Wichtig ist das Leben und Umsetzen, nicht das bloße Sagen und Predigen. „Die Ohren sind satt, die Augen hungrig. So sehr wir den Koran brauchen, so sehr braucht der Koran Menschen, die ihn im Herzen verinnerlicht haben und ihn mit Aufrichtigkeit verkörpern, damit er sich durch sie ausdrücken kann.
Möge der Erhabene Gott unseren Worten Segen und Trefflichkeit verleihen und jede unserer Aussagen zum Heilmittel für den Kummer eines Menschen machen. Amin!
[1] Sure Fāṭir 35:10
[2] Musned esch Schihāb 1/285
[3] Ibn Mādjā, Zuhd, 4
[4] Sure eṣ Ṣaff 61:2-3