
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
وَالَّذِينَ إِذَا أَصَابَهُمُ الْبَغْيُ هُمْ يَنتَصِرُونَ
وَجَزَاءُ سَيِّئَةٍ سَيِّئَةٌ مِّثْلُهَا ۖ فَمَنْ عَفَا وَأَصْلَحَ فَأَجْرُهُ عَلَى اللَّهِ ۚ إِنَّهُ لَا يُحِبُّ الظَّالِمِينَ
“39. Und diejenigen, die sich selbst oder einander, wenn ein ungerechtfertigter Angriff auf (irgendeinen oder alle von) ihnen erfolgt, verteidigen (um dem Angriff Einhalt zu gebieten).
40. Die Vergeltung für eine schlechte Tat kann nur etwas ebenso Schlechtes sein; doch wer immer vergibt und Versöhnung herbeiführt, dem steht Lohn von Gott zu. Wahrlich, Er liebt nicht diejenigen, die Unrecht tun.”[1]
Der Prophet Muhammed (F.s.m.i) sagte:
لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ
„Es gibt weder Schaden, noch die Vergeltung durch Schädigung.”
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!
Unsere heutige Predigt handelt davon, eine friedliche, positive und konstruktive Haltung einzunehmen.
Eine positive Haltung bedeutet, konstruktiv, aufbauend und ausgleichend zu handeln und eine positive Einstellung zu zeigen. Das Gegenteil davon ist eine negative Haltung.
Eine positive Haltung steht für Frieden, Freundschaft, Brüderlichkeit, Verständigung, gegenseitige Hilfe und Aufbau, während eine negative Haltung für Krieg, Feindschaft, Uneinigkeit, Streit, Konflikt und Zerstörung steht.
Es steht außer Zweifel, dass eine positive Handlungsweise notwendig ist, damit das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft auf der Grundlage des Friedens verlaufen kann. Denn diese Haltung beruht darauf, Streit, Konflikte, Entmutigung und jede Art von Haltung und Verhalten zu vermeiden, die die Gesellschaft in Anspannung versetzen könnten. Selbst wenn ein Mensch geniale Ideen und außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, wird es nicht möglich sein, daraus Nutzen zu ziehen, solange er nicht in einen harmonischen Dialog mit der Gesellschaft tritt. Daher besteht die wichtigste Grundlage einer positiven Haltung darin, das Idealbild eines Menschen zu verkörpern, der mit der Gesellschaft im Frieden lebt.
Ein wahrer Gläubiger sollte aus der Liebe zu seinem eigenen Weg und seiner eigenen Dienstmethode heraus leben, niemals Feindschaft gegenüber anderen in seinem Herzen zulassen und Unterschiede als Bereicherung betrachten. „Jeden Menschen in seiner eigenen Stellung anzunehmen“ und „für jeden Menschen einen Platz in unserem Herzen zu haben, auf dem er sitzen kann“, sollte uns als Wegweiser dienen.
Die Aussagen des edlen Korans erinnern uns daran, dass Muslime in ihrem persönlichen und gesellschaftlichen Leben an diesen Grundsätzen festhalten und in jeder Situation Gerechtigkeit, Frieden und das Gute zu ihrem Leitbild machen sollen.
Unser Prophet (F.s.m.i) hat das Prinzip, das heute als „Goldene Regel“ bekannt ist und die Grundlage des gesellschaftlichen Friedens bildet, bereits vor Jahrhunderten folgendermaßen zum Ausdruck gebracht:
„Wer sich vom Höllenfeuer fernhalten und ins Paradies eintreten möchte, soll im Glauben an Gott und das Jenseits sterben und den Menschen so begegnen, wie er selbst möchte, dass sie ihm begegnen.“[2]
Diese Aussage zeigt, dass die Herstellung und Aufrechterhaltung von gesellschaftlichem Frieden und innerer Ruhe dadurch möglich ist, dass die Menschen einander mit Gerechtigkeit und guten Absichten begegnen.
Ein Umfeld des Friedens, das auf dem Gedanken der positiven Haltung aufgebaut ist, ist jederzeit möglich. Um Lösungen für die gemeinsamen Probleme der Gesellschaft, in der wir leben, und der Menschheit zu finden, müssen universelle menschliche Werte in unserem Leben verwirklicht werden. Ebenso sollte ein Austausch von Ideen stattfinden, um die Natur zu schützen und der ganzen Welt ein grünes und lebendiges Gesicht zu verleihen.
In der Geschichte des Islams gehörten Frieden, Gerechtigkeit und das Zusammenleben zu den Themen, denen die Gelehrten besondere Aufmerksamkeit widmeten. Die folgenden Worte aus dem Brief, den der Ehrwürdige ’Ali (Gottes Wohlgefallen mit ihm) an den Gouverneur von Ägypten schrieb, fassen dieses Verständnis treffend zusammen:
„Die Menschen sind entweder deine Brüder im Glauben oder dir gleich in der Schöpfung. Vergib ihnen ihre Fehler und begegne ihnen mit Barmherzigkeit.“[3]
Imam Ghazzālī betonte, dass ein gutes Miteinander mit den Menschen sowie ein Leben in Frieden und Sicherheit zu den grundlegenden Prinzipien der islamischen Ethik gehören, und gab folgende Empfehlung:
„Wenn du gut mit den Menschen auskommen möchtest, empfange alle mit einem freundlichen Gesicht, unabhängig davon, ob sie deine Freunde oder deine Feinde sind. Begegne jedem mit einer Bescheidenheit, die nicht zur Erniedrigung führt, und mit einer Würde, die nicht in Hochmut ausartet. Da in allen Dingen Übermaß getadelt wird, wähle stets den Mittelweg.“
Mewlāna, der sagte, dass eine Atmosphäre des Friedens und der inneren Ruhe durch Liebe möglich sei, bringt zum Ausdruck, dass es ohne Liebe im Herzen auch keine Toleranz geben kann.
Die Verse von Yunus Emre, der einen großen Einfluss auf die Menschen Anatoliens hatte, können im Zusammenhang mit der Umsetzung einer positiven Haltung im persönlichen Leben genannt werden:
„Wer dich schlägt, dem begegne ohne Hand;
wer dich beschimpft, dem begegne ohne Zunge;
der Derwisch soll frei von Groll im Herzen sein.“
Gott will niemals Unterdrückung und Unfrieden. Er möchte, dass wir in Frieden und nach den Maßstäben der Gerechtigkeit leben. Daher wird von denjenigen, die an Gott glauben und Ihn anbeten, erwartet, sich dafür einzusetzen, Frieden, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit auf der Welt zu verwirklichen.
Im edlen Koran und in den Hadithen wird die Bedeutung von Frieden und einer positiven Haltung hervorgehoben. Die Umarmung der gesamten Menschheit ohne Unterscheidung nach Religion, Sprache, Herkunft oder Geschlecht wird als untrennbarer Bestandteil der islamischen Ethik dargestellt.
Die grundlegenden Prinzipien, die eine positive Haltung aufbauen, sind folgende:
- Ein Streiter für die Liebe sein
Die hellen und glücklichen Welten der Zukunft werden nur von Helden der Liebe und Menschen, die sich der Liebe verschrieben haben, aufgebaut werden. Wenn es ein Geheimnis gibt, das die gefährlichsten Spiele des Satans bis heute zunichtegemacht hat, dann ist es die Liebe.
- Das Ideal des Leben-Erhaltens oder der Geist der Aufopferung und īsār
Eine positive Haltung beruht auf dem Idealbild eines Menschen, der für die Gesellschaft, in der er lebt, und für die gesamte Menschheit auf persönliche Freuden und Vergnügungen verzichtet und gewissermaßen für andere lebt.
- Reinheit und Feinheit von Sprache und Ausdrucksweise (sanfte Worte)
Die Ausdrucksweise bedeutet, Angelegenheiten entsprechend der Zeit, den Umständen, dem Gesprächspartner und den jeweiligen Bedingungen so zu behandeln und auszudrücken, wie es angemessen und erforderlich ist.
- Respekt vor der Stellung des anderen oder Toleranz
Allen Menschen muss mit dem Verständnis begegnet werden: „Alle Menschen sind Kinder Adams; und Adam wurde aus Erde erschaffen.“
- Das Vermeiden von persönlicher und gruppenbezogener Selbstbezogenheit
Damit Menschen in Frieden und gegenseitiger Verständigung zusammenleben können, müssen sie sich von dem Streben nach Überlegenheit und Gefühlen der Selbstbezogenheit lösen. Sie sollten die Fähigkeit entwickeln, sich in die Lage anderer zu versetzen und Empathie zu zeigen.
Auch der Ausspruch des Gesandten Gottes (F.s.m.i) „Du kannst kein vollkommener Gläubiger sein, solange du nicht für deinen Bruder das wünschst, was du für dich selbst wünschst“, weist darauf hin, dass diese schöne Eigenschaft in jedem Menschen vorhanden sein sollte.
- Gegen Gewalt sein und radikale Äußerungen und Handlungen meiden
Gegen Gewalt zu sein, ist ein grundlegendes Prinzip des Islams, dessen Bedeutung „Frieden und Sicherheit“ umfasst und dessen Anhängern eine entsprechende Verhaltensweise abverlangt.
„Bei zivilisierten Menschen wird Überlegenheit durch Überzeugung erreicht und nicht durch Zwang, wie es gegenüber groben Menschen geschieht, die keine Worte verstehen.“
Im Koran wird der Gesandte Gottes (F.s.m.i) mit einem Vers angesprochen, dessen Bedeutung lautet: „Der Frieden ist gewiss besser.“[4]
Aus diesem Grund ermutigte unser Prophet Muhammed (F.s.m.i), wann immer es möglich war, eine Haltung zugunsten des Friedens einzunehmen. Selbst mitten im Krieg wurde ihm aufgetragen, den Frieden anzunehmen und auf Gott zu vertrauen, wenn der Feind eine Neigung zum Frieden zeigt.[5]
Möge unser Herr, dessen Barmherzigkeit grenzenlos ist, der Menschheit durch eine positive Haltung und Liebe Frieden und innere Ruhe schenken. Amīn!
[1] Sure esch Schūrā 42: 39-40
[2] Muslim, Imare 46
[3] Nehdju el Belāġa, 53. Brief
[4] Sure Nisā 4:128
[5] Vgl. Sure Enfāl 8:61