
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
اِنَّ اللّٰهَ يَأْمُرُكُمْ اَنْ تُؤَدُّوا الْاَمَانَاتِ اِلٰٓى اَهْلِهَاۙ وَاِذَا حَكَمْتُمْ بَيْنَ النَّاسِ اَنْ تَحْكُمُوا
بِالْعَدْلِۜ اِنَّ اللّٰهَ نِعِمَّا يَعِظُكُمْ بِه۪ۜ اِنَّ اللّٰهَ كَانَ سَم۪يعًا بَص۪يرًا
“Gott gebietet euch, die anvertrauten Güter ihren Berechtigten zu übergeben und, wenn ihr zwischen den Menschen richtet, in gerechter Weise zu richten. Wahrlich, wie trefflich ist das, womit Gott euch ermahnt! Zweifellos ist Gott allhörend und allsehend (Er hört eure Worte und eure Urteile vollkommen und sieht all eure Taten vollkommen)”[1]
Ehrenwehrte Musliminnen und Muslime! Unsere heutige Predigt wird von der Aufrichtigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Gerechtigkeit handeln, die zu den grundlegenden Prinzipien eines Handelns im ethischen und moralischen Rahmen gehören.
Ethik ist eine Sozialwissenschaft, die hinterfragt, was moralische Werte und Regeln bedeuten, auf welchen Begründungen sie beruhen und weshalb ein Verhalten als richtig oder falsch angesehen werden sollte.
Moral ist die Gesamtheit der geistigen Eigenschaften und Charakterzüge, aufgrund derer ein Mensch als gut oder schlecht bezeichnet wird, sowie der willentlichen Handlungen, die unter ihrem Einfluss hervorgebracht werden. Moral bezieht sich eher auf Regeln, die gelebt werden, während Ethik auf das Nachdenken über diese Regeln hinweist.
Die Einhaltung ethischer und moralischer Grundsätze ist eine tragende Säule dafür, ein vollkommener Mensch zu werden, und eine Voraussetzung dafür, den Islam angemessen zu vertreten. Nach dem Islam gilt: Die Wege zu rechtmäßigen Zielen müssen ebenfalls rechtmäßig sein. Dieser Ansatz gründet auf Prinzipien wie Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, der Wahrung des anvertrauten Gutes, der Vermeidung von Schäden für die öffentliche Ordnung und der Beständigkeit im Guten, die im Koran ausdrücklich und häufig hervorgehoben werden.
Begriffe wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen und Verantwortung erscheinen in den Koranversen nicht nur als persönliche Tugenden, sondern als Grundpfeiler der gesellschaftlichen Ordnung und des Friedens. Der Vers „O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Gott und seid mit den Wahrhaftigen.[2]“ bringt zum Ausdruck, dass die moralische Ausrichtung nicht allein durch individuelle Anstrengung bewahrt werden kann, sondern zugleich durch ein Bewusstsein für die Gemeinschaft gestärkt wird.
Eine der stärksten Hervorhebungen im Koran hinsichtlich der Verwirklichung von Gerechtigkeit als prinzipienfester Haltung findet sich in folgendem Vers: „O ihr, die ihr glaubt! Tretet entschieden für die Wahrheit ein und verwirklicht in all euren Angelegenheiten mit aller Kraft die Gerechtigkeit …“[3] Besonders bemerkenswert an diesem Vers ist der Ausdruck „qawwāmīne“, mit dem dazu aufgefordert wird, die Gerechtigkeit „aufrechtzuerhalten“. Dies weist nicht auf eine passive Haltung hin, sondern auf eine aktive Verteidigung. Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein abstrakter Wert, an den man glauben soll, sondern ein Prinzip, das gelebt und lebendig gehalten werden muss.
Darüber hinaus bringt dieser edle Vers die universelle und kompromisslose Haltung des Korans gegenüber der Moral zum Ausdruck. Moralisches Verhalten wird hier nicht lediglich als persönliche Tugend dargestellt, sondern zugleich als eine mit dem Glauben verbundene Verantwortung verstanden.
Neben den Prinzipien der Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Vertrauenswürdigkeit betont der Koran auch zahlreiche moralische Werte wie Geduld, Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft, Demut, Keuschheit, Genügsamkeit, Treue, Offenheit für Beratung sowie Maß und Ausgewogenheit. Diese gelten nicht nur als Tugenden, die sich in der inneren Welt des Einzelnen entwickeln, sondern werden auch als Garantie für Frieden, Vertrauen und nachhaltige Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben betrachtet.
Das Leben des Propheten Muhammed (F.s.m.i) ist voller der schönsten Beispiele für Moral.
Ein Hadith, der einem dabei in den Sinn kommen kann, lautet: „Haltet an der Wahrhaftigkeit fest. Denn die Wahrhaftigkeit führt den Menschen zum Guten, und das Gute führt ins Paradies. Wer immer die Wahrheit spricht, wird schließlich bei Gott als ‚ṣiddīq‘ (jemand, der die Wahrhaftigkeit zu einem Teil seiner Persönlichkeit gemacht hat) verzeichnet.“[4] Dieser Hadith zeigt, dass Wahrhaftigkeit keine vorübergehende Tugend ist, sondern einen Grundpfeiler der Persönlichkeit bildet.
Es gibt zahlreiche Hadithe darüber, dass guter Charakter eine grundlegende Eigenschaft des Gläubigen ist.
Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) betonte mit den Worten: „Der Beste unter euch ist derjenige von euch, dessen Charakter am schönsten ist“, dass die Moral ein grundlegendes Maß für den Wert und die Vorzüglichkeit eines Gläubigen ist.[5]
Ebū Dherr überliefert, dass unser Prophet (F.s.m.i) zu ihm sagte: „Sei dir, wo immer du bist, deiner Verantwortung gegenüber Gott bewusst! Tue unmittelbar nach einer schlechten Tat etwas Gutes, damit es sie auslöscht. Und begegne den Menschen in einer Weise, die einem guten Charakter entspricht!“[6] Dieser Hadith erinnert daran, dass ein guter Muslim zu sein nicht auf das gottesdienstliche Leben beschränkt ist, sondern sich ebenso in der Beziehung des Menschen zu Gott wie auch in seinem Verhalten und Auftreten innerhalb der Gesellschaft zeigen muss.
Als unser Prophet (F.s.m.i) eines Tages mit seinen Gefährten zusammen war, sagte er: „Hilf deinem Bruder, sei er ein Unterdrücker oder ein Unterdrückter.“ Einer der Gefährten fragte: „O Gesandter Gottes! Dem Unterdrückten helfen wir, aber wie sollen wir dem Unterdrücker helfen?“ Darauf sagte unser Prophet (F.s.m.i): „Du hältst ihn von seiner Unterdrückung ab. Genau das bedeutet, ihm zu helfen.“[7] Wie daraus hervorgeht, beschränkt sich Gerechtigkeit nicht darauf, sich auf die Seite des Geschädigten zu stellen, sondern umfasst auch die Verpflichtung, denjenigen, der Unrecht begeht, davon abzuhalten.
Andererseits werden in den Koranversen und Hadithen Handlungen, die das gesellschaftliche Gefüge zerstören, wie Lüge, Gerüchte, üble Nachrede, Verleumdung, Hochmut, Verschwendung, Bestechung, unrechtmäßiger Gewinn, Täuschung, Gerede und Unterdrückung, ausdrücklich verboten.
In diesem Zusammenhang können wir folgenden Hadith des Gesandten Gottes (F.s.m.i) erwähnen: „Versprecht mir, sechs Dinge nicht zu tun, und ich werde euch dafür garantieren, dass ihr ins Paradies eintretet:
1 – Lügt nicht, wenn ihr sprecht.
2 – Wenn ihr ein Versprechen gebt, erfüllt es.
3 – Wenn euch etwas anvertraut wird, seid dem Anvertrauten nicht untreu.
4 – Verschließt eure Augen vor dem Verbotenen.
5 – Bewahrt eure Keuschheit! (Haltet euch von Unzucht fern.)
6 – Beherrscht eure Hände und eure Zungen (und schützt sie davor, Verbotenes zu tun).“[8]
Dieser Hadith fordert von den Gläubigen, gegenüber negativen Verhaltensweisen wachsam zu sein und Selbstkontrolle zu üben.
In einem anderen Hadith heißt es: „Für einen Menschen genügt es als Sünde, alles weiterzuerzählen, was er hört.“[9]
Darüber hinaus können wir den Hadith „Wer betrügt, gehört nicht zu uns“ beziehungsweise in einer anderen Überlieferung „Wer betrügt, gehört nicht zu mir“ anführen – Betrug ist keine Haltung, die der Gemeinschaft des Gesandten Gottes (F.s.m.i) würdig ist.[10]
Zusammenfassend machen die in den Versen und Hadithen hervorgehobenen moralischen Prinzipien deutlich, dass der Islam ein auf Moral ausgerichtetes Lebensverständnis vermittelt. Die Aussagen des Gesandten Gottes Muhammed (F.s.m.i) betrachten die Moral nicht als bloße Ergänzung der Religion, sondern als deren wesentlichen Bestandteil.
In der moralischen Erziehung ist es unerlässlich, nicht nur theoretisches Wissen zu vermitteln, sondern durch das eigene Leben und durch das Vorleben zu lernen. Die wirksamste Ermahnung ist diejenige, die durch das eigene Verhalten erfolgt. Es gibt keine Angelegenheit, die nicht durch das eigene Verhalten gelöst werden kann. Was der islamischen Welt fehlt, ist nicht Wissen, Technologie oder Wohlstand, sondern ein glaubwürdiges Erscheinungsbild des Gläubigen. An diesem Punkt sind vorbildliche Persönlichkeiten, vertrauenswürdige Institutionen und ein kollektives Bewusstsein von großer Bedeutung.
Kurz gesagt: Jeder von uns sollte um unseres Herrn, unseres Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) und unserer Religion willen Menschen, die auf uns blicken, dazu bringen können zu sagen: „In ihren Gesichtern liegt keine Lüge.”
Glücklich zu preisen sind diejenigen, die ebenso sehr die Rechte und die Würde anderer schützen, wie sie ihre eigene Ehre und ihr Ansehen bewahren!
Frohe Botschaft denen, die unter allen Umständen im ethischen und moralischen Rahmen handeln!
[1] Sure en-Nisā; 4:58
[2] Sure et Tewbe 9:119
[3] Sure en Nisā 4:135
[4] Bukhārī, Edep 69
[5] Muslim, Birr, 59
[6] Tirmidhī, Birr, 55
[7] Bukhārī, Meẓālim 4
[8] Ibn Ḥanbel, Musned 5/323
[9] Ebū Dāwūd, Edep 80
[10] Muslim, Īmān, 189