
بسم الله الرحمن الرحيم
وَمَا لَكُمْ لَا تُقَاتِلُونَ ف۪ي سَب۪يلِ اللّٰهِ وَالْمُسْتَضْعَف۪ينَ مِنَ الرِّجَالِ وَالنِّسَٓاءِ وَالْوِلْدَانِ الَّذ۪ينَ يَقُولُونَ رَبَّنَٓا
اَخْرِجْنَا مِنْ هٰذِهِ الْقَرْيَةِ الظَّالِمِ اَهْلُهَاۚ وَاجْعَلْ لَنَا مِنْ لَدُنْكَ وَلِيًّاۚ وَاجْعَلْ لَنَا مِنْ لَدُنْكَ نَص۪يرًاۜ
„Was ist mit euch, dass ihr nicht kämpft für die Sache Gottes und für die Unterdrückten, Hilflosen unter den Männern, Frauen und Kindern, jenen, die sagen: “Unser Herr, bringe uns aus diesem Land heraus, dessen Einwohner Unterdrücker sind, und gewähre uns von Dir einen Beschützer, und gewähre uns von Dir einen Helfer!”[1]
In einem Hadith heißt es:
مَنْ رَأَى مِنْكُم مُنْكراً فَلْيغيِّرْهُ بِيَدهِ ، فَإِنْ لَمْ يَسْتَطعْ فبِلِسَانِهِ ، فَإِنْ لَمْ يَسْتَطِعْ فَبقَلبهِ وَذَلَكَ أَضْعَفُ الإِيمانِ
„Wer von euch verwerfliches sieht, soll es mit seiner Hand ändern. Wenn er nicht dazu imstande ist, soll er es mit seiner Zunge ändern, wenn er auch nicht dazu imstande ist, soll er es im Herzen tun. Das ist die unterste Stufe des Glaubens.“[2]
Verehrte Muslime! Unsere Predigt handelt heute davon unsere Haltung sowie unseren Ausdruck gegenüber Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu bewahren.
Der Koran und die Sunna rufen die Gläubigen dazu auf, die Gerechtigkeit zu wahren und sich von Unrecht fernzuhalten. Gerechtigkeit umfasst auch, die Rechte der Menschen zu schützen, Unrecht niemals zu billigen, gegenüber dem Unterdrücker klar Stellung für den Unterdrückten zu beziehen und Bedürftigen helfend die Hand zu reichen.
Der Koran macht deutlich, wie gefährlich es ist, nicht nur die Unterdrücker zu unterstützen, sondern ihnen auch nur innerlich zuzuneigen oder ihr Unrecht zu verharmlosen: „Und neigt euch nicht denjenigen zu, die Unrecht begehen (gegen Gott, indem sie Ihm Teilhaber zur Seite stellen, und gegen die Menschen, indem sie deren Rechte missachten), damit euch nicht das Feuer erfasse.“[3]
In einem anderen Vers heißt es: “O ihr, die ihr glaubt! Seid Verteidiger und Vorkämpfer des Rechts für Gottes Sache, als Zeugen für die (Aufrechterhaltung) vollkommener Gerechtigkeit. Und lasst euch auf keinen Fall durch den Hass auf (bestimmte) Menschen (oder deren Hass auf euch) dazu verleiten, (die Sünde der) Abweichung von der Gerechtigkeit (zu begehen). Seid gerecht: Das ist näher an der Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und ihnen angemessener. Strebt nach Rechtschaffenheit und Frömmigkeit, und handelt stets in Ehrfurcht vor Gott. Wahrlich, Gott ist wohl vertraut mit dem, was ihr tut.[4]
Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) hat selbst in den kritischsten Zeiten in Fragen von Recht und Gerechtigkeit nicht im Geringsten nachgegeben.
Der Stamm der Banū Qaynuqāʿ hatte das geschlossene Abkommen gebrochen. Gemäß der Vereinbarung mussten sie aus der Stadt verwiesen werden. Doch selbst als der Gesandte Gottes (F.s.m.i) diese ungerechte Gemeinschaft aus Medina auswies, achtete er auf ihre Rechte und ließ nicht zu, dass sie zu Unrecht benachteiligt wurden. Noch bevor sie Medina verließen, gab er (F.s.m.i) ihnen die Erlaubnis, alle Forderungen einzutreiben, die sie bei Muslimen hatten, und auch ihr eigenes Eigentum mitzunehmen. Denn eine Schuld ist ein Recht und muss beglichen werden.
Das Unrecht, das sich an vielen Orten der Welt ereignet, darf die Menschen keinesfalls in Hoffnungslosigkeit und Passivität treiben. Im Gegenteil: Man sollte ihm mit einer aktiven Geduld entgegentreten und sich diesen Unterdrückungen entgegenstellen.
Sich für den Unterdrückten und den Geschädigten einzusetzen, ist keine ideologische, politische oder gruppenbezogene Frage, sondern eine Gewissens, Rechts und religiöse Verantwortung. Man sollte diesen Weg ohne Gewalt beschreiten, das Recht an erste Stelle setzen, die Unschuld verteidigen und die moralische Linie wahren. Denn ebenso wichtig wie Recht zu haben ist es, im Recht zu bleiben. Das Rückgrat dieser Haltung sind Geduld, Standhaftigkeit und Sensibilität für Gerechtigkeit.
Wenn die Ereignisse lange andauern, kann der Mensch ermüden; wenn die Belastungen zunehmen, kann Vergesslichkeit einsetzen, Geduld und Entschlossenheit können erodieren. Gerade in solchen Momenten braucht es Erinnerung und die Notwendigkeit, die Sensibilität wachzuhalten. Der Islam ist nicht damit einverstanden, dass ein Leid bloß „die Angelegenheit einer Gruppe“ bleibt. Gläubige dürfen gegenüber dem Schmerz des anderen nicht gleichgültig sein.
Der Koran erinnert daran: „Helft einander vielmehr in Rechtschaffenheit und Frömmigkeit, und helft einander nicht in Sünde und Schändlichkeit und Gewalttätigkeit; (doch in allem was ihr tut) hütet euch vor Ungehorsam gegen Gott in tiefer Ehrfurcht vor Ihm und in Frömmigkeit. “[5]
Desweiteren heißt es auch: „Und haltet allesamt fest am Seil Gottes, und zersplittert euch nicht “[6] sowie: „Gott liebt fürwahr diejenigen, die für Seine Sache kämpfen (sich engagieren), aufgereiht als seien sie ein festgefügter, dicht miteinander verbundener Bau”.[7]
Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) vergleicht die Gläubigen mit „einem Körper, dessen andere Glieder, wenn ein Organ erkrankt, durch Schlaflosigkeit und Fieber Anteil daran nehmen“. Mit der frohen Botschaft: „Wer eine weltliche Sorge eines Gläubigen nimmt, dem nimmt Gott eine Sorge im Jenseits ab, […], Gott ist in der Hilfe des Dieners, solange der Diener in der Hilfe seines Bruders ist […]“[8], macht er das Tragen und Teilen von Lasten zu einem Teil des Gottesdienstes.
Ein weiterer Aspekt der Angelegenheit ist, dass sich das allgemeine Mit-leiden ausbreitet – denn es ist eine Voraussetzung für die allgemeine Rettung. „So wie Almosen (sadaqa) Unheil abwehrt, so zieht auch das aufrichtige Bittgebet der Mehrheit – das aus echtem Mitgefühl entsteht – die allgemeine Erleichterung, die allgemeine Rettung an.“[9]
Wenn in dieser Sache jeder entsprechend seinen Möglichkeiten einen Teil der Last trägt, wächst die Solidarität, und die Hoffnung bleibt lebendig. So dunkel das Unrecht auch sein mag, schon eine Kerze vertreibt die Dunkelheit, und viele Kerzen zusammen erhellen den Horizont.
Im Hadith, der das Thema unserer Predigt bildet, wird als dritter Weg, das Übel abzuwehren, und als die schwächste Stufe des Glaubens genannt, dem Verwerflichen innerlich zu widersprechen und es im Herzen abzulehnen.
Allerdings darf man das nicht so verstehen, als solle man gegenüber Menschen Feindschaft hegen oder sie hassen. Denn Groll gegen einen Menschen zu tragen ist kein hilfreicher Weg, ihn dazu zu bewegen, von seinem Fehlverhalten abzulassen. Gemeint ist vielmehr, dem Übel nicht beizupflichten, ihm gegenüber Haltung zu zeigen und sowohl den Unterdrücker als auch den Unterdrückten davon zu befreien.
Eines der wichtigsten Mittel, dieses Ziel zu verwirklichen, ist das Bittgebet. Unter den Gottesdiensten, die wir Gott darbringen, gibt es kaum eine Tat, die stärker ist als das Bittgebet.
Wenn wir also Unrecht miterleben und uns aufrichtig um diejenigen sorgen, die darunter leiden, dann sollten wir neben dem Bemühen, dieses Übel mit Hand und Zunge zu verhindern, uns unbedingt dem Erhabenen zuwenden und Ihn inständig im Bittgebet anflehen.
Möge unser Herr uns die Gnade schenken, auch wenn die Umstände schwer werden unsere Gradlinigkeit zu bewahren, die guten Taten dort, wo wir stehen, zu vermehren und die vor uns liegenden gesegneten Tage bestmöglich zu nutzen. Amin!
[1] Sure en-Nisā‘; 4:75
[2] Sunen en Nesāʾi eṣ Ṣuġrā, Kitāb el ʾĪmān we scherāʿih, Nr 5023
[3] Sure Hūd; 11:113
[4] Sure el-Mā’ida; 5:8
[5] Sure el-Mā’ida; 5:2
[6] Āl-i ʿImrān; 3:103
[7] Sure aṣ-Ṣaff; 61:4
[8] Muslim, Kitābu ed-Dhikr, Nr. 2699
[9] Bediuzzaman, 16. Reflexion