Geduld und Besonnenheit


بسم الله الرحمن الرحيم

يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اسْتَعِينُوا بِالصَّبْرِ وَالصَّلَاةِ إِنَّ اللَّهَ مَعَ الصَّابِرِينَ

„O ihr, die ihr glaubt! Sucht Hilfe (gegen jegliche Bedrängnis und Trübsal) in Geduld (Standfestigkeit) und im Gebet; wahrlich, Gott ist mit den Geduldigen (Standhaften).“[1]

In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es:

لتَّأَنِّي مِنَ الرَّحْمَنِ، اَلْعَجَلَةُ مِنَ الشَّيْطَانِ 

„ Besonnenheit ist vom Barmherzigen, Hastigkeit vom Teufel.“[2]

Ehrenwerte  Musliminnen und Muslime!

Unsere heutige Predigt handelt von der Geduld und der Besonnenheit.

Geduld bedeutet, angesichts von Schmerz, Leid und schwer erträglichen Ereignissen die Zähne zusammenzubeißen und standzuhalten. Sie ist eine der wichtigsten Grundlagen für eine hohe Spiritualität und eine schöne Tugend und zugleich der größte Sieg des menschlichen Willens.

Die Besonnenheit, die wir als einen Zweig der Geduld betrachten können, bedeutet, eine Angelegenheit nicht überstürzt anzugehen, sie von Anfang bis Ende gründlich zu prüfen und nicht unüberlegt zu handeln.

Die Wörter Geduld und Aloe-Pflanze stammen in der arabischen Sprache aus derselben Wortwurzel. In der alten Medizin und in der pharmazeutischen Industrie wurde die Aloe-Pflanze verwendet; sie ist bitter wie Gift. Genau so bitter ist Geduld – sie gleicht dem Hinunterschlucken dieser Pflanze. Doch das Ergebnis ist stets süß wie Zuckersirup und heilbringend.

Gott der Erhabene erwähnt die Geduld im Koran direkt oder indirekt in vielen Versen:
„Seid geduldig und wetteifert in der Geduld.“[3]

„Wenn ihr geduldig seid, so ist dies das Beste für die Geduldigen.“[4]
„Allah liebt die Geduldigen.“[5]

Aus diesem Grund ist Geduld eine äußerst wichtige innere Tat des Herzens, die Gott immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln hervorhebt.

Durch Geduld wird der Mensch zu einem gesegneten Wesen, das dazu bestimmt ist, hohe geistige und spirituelle Stufen zu erreichen.

Allen voran die großen Propheten, aber auch sämtliche Propheten, Auserwählten und Gottesfreunde haben jede Form der Geduld vorgelebt. Dies ist ihr hervorstechendstes Merkmal und zugleich ein Zeichen ihrer Unerreichbarkeit. Der Stolz der Menschheit (F.s.m.i) sagte hierzu:

„Die härtesten Prüfungen treffen zuerst die Propheten, danach, ihrem Rang entsprechend, die anderen rechtschaffenen Menschen.“[6]

Geduld ist sowohl der Zustand der Gipfelmenschen als auch die Kraftquelle jener, die auf dem Weg zur Vollkommenheit sind. Wer die höchsten Stufen erreicht hat, bemüht sich kraft seines Ranges, jede Art von Geduld in vollkommener Weise zu verkörpern und den Preis seiner Gunst zu zahlen. Was jene betrifft, denen bestimmt wurde, diese Gipfel zu erreichen: Sie gelangen durch ertragenes Leid und standhafte Geduld zu Höhen, die andere nur durch zahllose Formen der Gottesdienerschaft erreichen.

In einem Hadith heißt es sinngemäß: „Wenn Gott Seinem Diener einen Rang bestimmt hat, den er durch seine Taten nur schwer erreichen könnte, dann prüft Er ihn, im Rahmen seiner Belastbarkeit, an seiner eigenen Person oder seiner Familie. Als Gegenleistung für diese Prüfung schenkt Er ihm Geduld und erhebt ihn schließlich zu diesem Rang.“[7]

In diesem Sinne kann man sagen, dass Prüfungen, Leiden und selbst der Druck der Pflichten potenzielle Formen göttlicher Barmherzigkeit sind. Unsere Geduld muss eine aktive Geduld sein. Aktive Geduld bedeutet nicht, untätig zu verharren und etwas passiv zu erdulden. Nach den Gesetzen der Physik führt Stillstand zum Zerfall.
Aktive Geduld bedeutet: Wenn Prüfungen und Katastrophen eintreten, während man standhaft bleibt, zugleich darüber nachzudenken, wie man aus diesem Strudel herauskommt, Lösungen zu suchen und sich aktiv darum zu bemühen.

Es bedeutet, wie ein fließender Bach zu sein, der bei einem Hindernis einen neuen Weg findet und seinen Lauf fortsetzt.

Das Brüten einer Henne über ihren Eiern ist ein Beispiel aktiver Geduld. Von außen betrachtet scheint sie träge auf den Eiern zu sitzen. Doch in Wahrheit erleidet sie drei Wochen lang große Schmerzen. Sie sammelt ihre ganze Körperwärme in ihrer Brust und gibt sie Tag und Nacht unermüdlich an die Eier weiter. Mit äußerster Sorgfalt wendet sie sie und fürchtet ständig, sie zu zerbrechen. So wie die Henne mit tierischem Instinkt eine äußerst feinfühlige und sorgfältige aktive Geduld zeigt, so sollten auch wir eine dem Menschen würdige aktive Geduld entwickeln. Geduld beschränkt sich nicht nur auf Prüfungen; sie hat viele Formen. Unsere Gelehrten haben insbesondere drei Arten hervorgehoben: das Fernbleiben von Sünden, das Ertragen von Prüfungen und

die Beständigkeit in Anbetung und Gehorsam. Gottesdienste fehlerfrei und kontinuierlich zu verrichten erfordert große Geduld. Die ununterbrochene Erfüllung der von Gott auferlegten Hauptgebete erhebt den Menschen zum dem Rang göttlicher Liebe und verleiht ihm bei Gott einen besonderen Wert.

Wer beständig in Gottesdienerschaft verharrt, dessen Gebete, Fasten und Almosen wirken wie ein Schutzschild gegen Sünden und bewahren ihn davor, in schwere Verfehlungen zu geraten. So wie ständig fließendes Wasser selbst Marmor aushöhlt, so schmilzt auch die Beharrlichkeit in der Anbetung die sündhaften Neigungen der Seele.

Darüber hinaus lassen sich Geduldsarten je nach Gegenstand weiter vermehren:
Angesichts der verführerischen Schönheiten dieser Welt und der reizenden Begierden des Nefs auf dem geraden Weg zu bleiben, erfordert große Geduld.

Eine weitere Form der Geduld ist die Geduld gegenüber der quälenden Langsamkeit der Zeit bei zeitgebundenen Angelegenheiten. Obwohl Gott alles mit dem Befehl „Sei!“ augenblicklich erschaffen könnte, hat Er das gesamte Universum einem schrittweisen Prozess unterworfen und gewollt, dass alles nach und nach reift. So schwer das Warten der menschlichen Seele auch fallen mag, niemand kann die von der göttlichen Bestimmung festgelegte Frist verkürzen oder am Prinzip der stufenweisen Entfaltung rütteln. Im Koran heißt es:

„Der Mensch ist von Natur aus hastig erschaffen worden.“[8]

Auch wenn Hast eine Lücke ist, durch die der Satan leicht eindringen kann, ist es durch religiöse Erziehung möglich, diese Eigenschaft, wie andere scheinbar negative Charakterzüge, in ein positives Element zu verwandeln, indem man sie auf das Eilen zu guten Taten lenkt.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Geduld ist der geheimnisvolle Schlüssel zur Erlösung.

Wer geduldig ist, wird zwangsläufig finden, was er sucht, und früher oder später den Sieg erringen. Aus unserem Glauben heraus üben wir Geduld in allem. Und wenn sich danach etwas Gutes zeigt, sagen wir: „Möglicherweise hat Gott unsere Geduld zum Anlass für das Entstehen dieses Guten gemacht.“

Möge unser Herr uns zu jenem rechtschaffenen Dienern zählen, die ihren Weg mit aktiver Geduld fortsetzen.


[1] Sure el Baqara 2:153

[2] Tirmidhī, Birr 66

[3] Sure ʾāl ʿImran 3:200

[4]  Sure en Neḥl 16:126

[5] Sure ʾāl ʿImran 3:146

[6] Tirmidhī, Zuhd 57

[7] Ibn Ḥibbān

[8] Sure el ʾIsrā 17:11

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