
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
لَيْسَ الْبِرَّ اَنْ تُوَلُّوا وُجُوهَكُمْ قِبَلَ الْمَشْرِقِ وَالْمَغْرِبِ وَلٰكِنَّ الْبِرَّ مَنْ اٰمَنَ بِاللّٰهِ وَالْيَوْمِ الْاٰخِرِ وَالْمَلٰٓئِكَةِ وَالْكِتَابِ وَالنَّبِيّ۪نَۚ وَاٰتَى الْمَالَ عَلٰى حُبِّه۪ ذَوِي الْقُرْبٰى وَالْيَتَامٰى وَالْمَسَاك۪ينَ وَابْنَ السَّب۪يلِ وَالسَّٓائِل۪ينَ وَفِي الرِّقَابِۚ وَاَقَامَ الصَّلٰوةَ وَاٰتَى الزَّكٰوةَۚ وَالْمُوفُونَ بِعَهْدِهِمْ اِذَا عَاهَدُواۚ وَالصَّابِر۪ينَ فِي الْبَأْسَٓاءِ وَالضَّرَّٓاءِ وَح۪ينَ الْبَأْسِۜ اُو۬لٰٓئِكَ الَّذ۪ينَ صَدَقُواۜ وَاُو۬لٰٓئِكَ هُمُ الْمُتَّقُونَ„Wahre Güte besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder Westen wendet. Wahre Güte besitzen vielmehr diejenigen, die an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, die Offenbarungen und die Propheten glauben; die von ihrem Besitz – obwohl sie ihn lieben – den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, den Reisenden, den Bittenden und für die Befreiung von Menschen geben; die das Gebet verrichten und die Zakat entrichten; die ihre Versprechen halten, wenn sie eines gegeben haben; und die in Not, Leid und in Zeiten der Bedrängnis standhaft bleiben. Diese sind die Wahrhaftigen, und diese sind die Gottesfürchtigen.“[1]
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!
In unserer heutigen Predigt werden wir auf einen der sehr umfassenden Begriffe des Korans eingehen: Birr – die wahre Güte.
Obwohl das Wort „Birr“ oft mit „Güte“ oder „Wohltätigkeit“ übersetzt wird, gibt diese Übersetzung die tiefe Bedeutung im Koran nicht vollständig wieder. Wenn im alltäglichen Sprachgebrauch von Güte gesprochen wird, versteht man darunter meist einzelne gute Taten wie jemandem zu helfen, schöne Worte zu sagen oder Bedürftige zu unterstützen. Der Begriff Birr im Koran ist jedoch weit umfassender.
Wahre Güte besteht nicht nur aus gelegentlichen guten Taten. Sie bedeutet, dass sie sich im Glauben, in der Absicht, im Gottesdienst, im Charakter, im Verständnis des Spendens, im Umgang mit Menschen und im Verhalten in schwierigen Zeiten fest verankert. Anders ausgedrückt, bedeutet sie, dass Güte zur natürlichen Wesensart des Menschen wird.
Zum Zeitpunkt der Offenbarung dieses Verses gab es Diskussionen über die Änderung der Gebetsrichtung. Die Muslime hatten sich eine Zeit lang nach Jerusalem gewandt und wandten sich später auf Gottes Befehl der Kaaba zu. Manche machten daraus lediglich eine äußerliche Diskussion darüber, ob man sich nun nach Osten oder Westen wenden solle.
Die Gebetsrichtung ist wichtig, und sich der Richtung zuzuwenden, die Gott befohlen hat, gehört zur Dienerschaft gegenüber Gott. Doch der Vers erinnert uns daran, dass nicht nur die Richtung selbst entscheidend ist, sondern die Hingabe an Gottes Befehl. Gottesdienst bedeutet nicht bloß, dass sich der Körper einer Richtung zuwendet, sondern dass sich das Herz Gott zuwendet. Wenn im Herzen keine Aufrichtigkeit, und keine Hingabe vorhanden sind, reicht die äußere Form allein nicht aus, um die wahre Stufe von Birr zu erreichen.
Der Vers beginnt die Grundlagen der wahren Güte zunächst mit den Glaubenswahrheiten:
„Wahre Güte besitzen diejenigen, die an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten glauben.“
Nach dem Koran ist der Ursprung aller Güte der Glaube. Fehlt der Glaube, bleibt Güte manchmal nur ein Gewissensimpuls, eine gesellschaftliche Gewohnheit oder der Wunsch nach Anerkennung durch Menschen. Der Glaube jedoch gibt der Güte ihre Richtung, verleiht ihr durch die Absicht eine tiefere Bedeutung und verbindet sie mit Gottes Wohlgefallen.
Wer an Gott glaubt, betrachtet sich nicht als ziellos erschaffen. Wer an das Jenseits glaubt, fürchtet nicht, dass irgendeine gute Tat verloren geht. Wer an die Engel glaubt, spürt, dass sein Leben aufgezeichnet wird. Wer an die Schrift glaubt, macht nicht die eigenen Begierden, sondern die Offenbarung zum Maßstab. Wer an die Propheten glaubt, betrachtet Güte nicht als abstrakte Idee, sondern als gelebte und verkörperte Wahrheit.
Werte Gläubige!
Nach den Glaubenswahrheiten erwähnt der Vers das Spenden (Infāq). Dabei heißt es nicht nur: „Er gibt von seinem Besitz“, sondern: „Er gibt von dem, was er liebt.“ Denn die eigentliche Prüfung des Menschen besteht meist nicht in Dingen, die er nicht besitzt, sondern in Dingen, die er besitzt und liebt.
In der Sure Āl ‘Imrān heißt es: „Niemals werdet ihr Güte und Tugend erlangen, ehe ihr nicht von dem hingebt, was euch lieb ist“[2]
Ebū Ṭalha (Gottes Wohlgefallen mit ihm) wollte seinen geliebten Garten auf Gottes Weg spenden. Dieser Garten war ein besonderer Ort, den auch unser Prophet (F.s.m.i) besuchte, von dessen Wasser trank und unter dessen Bäumen saß. Als dieser Vers offenbart wurde, spendete Ebū Ṭalha (Gottes Wohlgefallen mit ihm) seinen wertvollsten Besitz um Gottes willen.
Nachdem der Vers das Spenden von geliebtem Besitz erwähnt hat, erinnert er an das Hauptgebet und die läuternde Pflichtabgabe:
„… diejenigen, die das Hauptgebet verrichten und die läuternde Pflichtabgabe entrichten …“
Das Gebet repräsentiert die Verbindung des Dieners zu Gott. Die läuternde Pflichtabgabe (zekāt) hingegen ordnet die Beziehung des Menschen zu Besitz, Gesellschaft und Bedürftigen. Das eine verbindet die innere Welt des Menschen mit Gott, das andere reinigt sein soziales Leben und sein Verständnis von Besitz.
Die läuternde Pflichtabgabe bedeutet Reinigung des Besitzes und den Aufbau von Brücken der Barmherzigkeit in der Gesellschaft. Wer sie gibt, kann nicht sagen: „Hauptsache ich bin satt, auch wenn andere hungern.“ Denn er weiß, dass Besitz eine anvertraute Gabe Gottes ist. In dieser Gabe liegt auch das Recht der Armen, der Waisen und der Bedürftigen.
Die nächste Eigenschaft des Verses ist die Treue zum gegebenen Wort:
„… diejenigen, die ihre Versprechen halten, wenn sie eines gegeben haben …“
Wahre Güte beschränkt sich nicht nur auf Glauben, Gottesdienst oder Spenden. Sie bedeutet auch, dass der Mensch zuverlässig ist, sein Wort hält und das ihm Anvertraute wahrt.
Ein Bund bedeutet nicht nur: „Ich habe ein Versprechen gegeben.“ Jede Verantwortung, jede übernommene Aufgabe, jedes gegebene Wort und jede anvertraute Sache ist in gewisser Weise ein Bund.
Die Ehe ist ein Bund. Elternschaft ist ein Bund. Freundschaft ist ein Bund. Nachbarschaft ist ein Bund. Auch Verträge im Berufsleben sind ein Bund.
Dass unser Prophet (F.s.m.i) schon vor seiner Prophetenschaft als „El-Emīn“ also der Vertrauenswürdige bekannt war, ist in dieser Hinsicht von großer Bedeutung. Die Worte eines Menschen, dem die Menschen nicht vertrauen, haben nur geringe Wirkung. Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) beschrieb die allgemeinen Eigenschaften des Heuchlers mit vier Merkmalen:
„Wenn er spricht, lügt er. Wenn er ein Versprechen gibt, hält er es nicht. Wenn ihm etwas anvertraut wird, verrät er das Vertrauen. Und wenn er mit jemandem streitet, überschreitet er jedes Maß.“[3]
Eine der letzten Eigenschaften, die der Vers erwähnt, ist die Geduld:
„… diejenigen, die in Not, Krankheit und in Zeiten heftiger Auseinandersetzungen standhaft bleiben …“
Hier wird die Geduld gerade in den schwersten Prüfungen des Lebens erwähnt: Armut, Krankheit, Verlust, Schmerz, Unterdrückung, Angst und Zeiten harter Kämpfe. Gerade in solchen Momenten zeigt sich oft der wahre Charakter des Menschen.
Der Gläubige ist nicht jemand, der niemals erschüttert wird. Der Gläubige ist jemand, der, selbst wenn er erschüttert wird, sich mit Gottes Erlaubnis wieder aufrichtet.
Der Gesandte Gottes vergleicht den Gläubigen mit einer Pflanze:
„Das Gleichnis des Gläubigen ist wie Halm. Der Wind bewegt sie ständig hin und her. Ebenso ist der Gläubige ständig Prüfungen und Schwierigkeiten ausgesetzt.“
Der Halm biegt sich im Wind, doch sobald der Sturm vorüber ist, richtet sie sich wieder auf. Ebenso kann auch der Gläubige durch Prüfungen verletzt, ermüdet oder erschüttert werden; doch durch seinen Glauben findet er wieder Kraft.
Am Ende fasst der Vers all diese Eigenschaften in zwei Aussagen zusammen:
„Das sind die Wahrhaftigen. Das sind die Gottesfürchtigen.“
Wahre Güte bedeutet also: im Glauben aufrichtig zu sein, im Gottesdienst ernsthaft zu sein, großzügig mit dem Besitz umzugehen, treu zum gegebenen Wort zu stehen, standhaft gegenüber Prüfungen zu bleiben und hinter all dem ein tiefes Bewusstsein der Gottesfurcht zu tragen.
Möge unser Herr uns zu Dienern machen, die wahre Güte besitzen. Möge Er unseren Glauben lebendig, unsere Gottesdienste bewusst, unsere Spenden aufrichtig, unser Wort wahrhaftig, unsere Geduld stark und unseren Charakter zu einem Charakter nach dem Koran machen. Amin!
[1] Sure el Baqara 2:177
[2] Sure Āl- ’Imrān; 3:92
[3] Bukhārī, Imān, 24