DIE VERSCHWENDUNG (ISRĀF)

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

يَا بَنِي آدَمَ خُذُوا زِينَتَكُمْ عِنْدَ كُلِّ مَسْجِدٍ وَكُلُوا وَاشْرَبُوا وَلَا تُسْرِفُوا إِنَّهُ لَا يُحِبُّ الْمُسْرِفِينَ

„O ihr Kinder Adams! Zieht euch für jede gottesdienstliche Handlung sauber und schön an; und (ohne Dinge, die Gott euch erlaubt hat, für unerlaubt zu erklären) esst und trinkt, doch seid nicht verschwenderisch, denn Er liebt wahrlich nicht die Verschwenderischen.“[1]

In einem Hadith heißt es:

مَا عَالَ مَنِ اقْتَصَدَ

„Wer sparsam (maßvoll) handelt, verarmt nicht[…] “[2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!

Unsere heutige Predigt handelt von der großen Plage unseres Jahrhunderts: Der Verschwendung.

Im allgemeinen Sinne bedeutet Verschwendung (Isrāf): „im Glauben, in Worten und in Taten die Grenzen zu überschreiten, die von der Religion, der Vernunft oder dem Brauchtum als angemessen erachtet werden“. Im engeren Sinne bedeutet es: „die vorhandenen Güter oder Möglichkeiten für unrechtmäßige Zwecke auszugeben, Maßlosigkeit zu betreiben, die Mäßigung zu verlieren und Geld oder Güter zu vergeuden“. Es ist ebenso möglich, alles, was nicht sinnvoll und nützlich eingesetzt wird, als Verschwendung zu betrachten.

Verschwendung führt zum Verlust des Segens (Bereket) und zur Erniedrigung. Es ist die Pflicht des Menschen, den Wert von Gnadengababen wie Zeit und Gesundheit sowie jeglicher materieller und spiritueller Ausstattung, die ihm gegeben wurde, zu schätzen und sie im Sinne ihrer Schöpfungsweisheit zu nutzen.

Der Islam gebietet, den Mittelweg (Ṣirāṭ el-Mustaqīm) zu beschreiten, wenn es darum geht, materielle Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Kleidung, Fortbewegungsmittel und Wohnraum zu decken und all die von Gott gewährten Gnadengaben zu nutzen. Gleichzeitig verbietet er jede Art von Verschwendung, die aus Verschwendungssucht, der Sehnsucht nach Prunk und dem Streben nach Luxus resultiert.

In den Versen 26 und 27 der Sure el-Isra wird diese Wahrheit wie folgt zum Ausdruck gebracht: Und gib dem Verwandten das, worauf er ein Anrecht hat, geradeso wie dem Bedürftigen und dem Reisenden; und vergeude (dein Vermögen) nicht auf sinnlose Weise.

Wahrlich, die Verschwender sind von jeher Brüder des Satans gewesen, und Satan war schon immer undankbar gegen seinen Herrn.“

Hier wird das Verschwenden verboten und als eine satanische Eigenschaft beschrieben.

Das Verschwenden hängt nicht davon ab, ob man viel oder wenig ausgibt, sondern wofür die Ausgabe getätigt wird. In diesem Sinne bedeutet Verschwendung, Geld für die falschen Zwecke auszugeben. Islamischen Gelehrten zufolge gilt ein Mensch, der sein gesamtes Vermögen auf dem Weg Gottes spendet (Infāq), nicht als verschwenderisch. Wenn er jedoch auch nur wenige Cents für eine unrechtmäßige Sache ausgibt, wird dies als Verschwendung gewertet.

Imam Ebū Hanīfe sagt an dieser Stelle: „Es gibt keine Verschwendung im Guten und in der Wohltätigkeit, so wie es auch nichts Gutes in der Verschwendung gibt.“ Folglich liegt Verschwendung sowohl im individuellen Bereich als auch im Nicht-Wertschätzen von Gnadengaben wie Zeit und Gesundheit.

Unnötig aus dem Hahn fließendes Wasser, unnötig brennendes Licht und Energieverschwendung sind ebenso Verschwendung wie das Vergeuden von Zeit sowie Verhaltensweisen, die der Gesundheit schaden. So wie es Verschwendung ist, wenn ein Mensch mehr schläft als nötig, so ist es ebenso Verschwendung, den Wasserhahn ganz aufzudrehen und zwei Liter Wasser zu verbrauchen, obwohl die Gebetswaschung mit einem halben Liter möglich wäre

Einmal kam unser Prophet (F.s.m.i) an seinem Gefährten Sa’d vorbei, während dieser die Gebetswaschung vollzog. Als der Gesandte Gottes (F.s.m.i) sah, dass er zu viel Wasser verbrauchte, fragte er: „Was soll diese Verschwendung?“ Sa’d entgegnete: „Gibt es denn selbst bei der Gebetswaschung Verschwendung?“ Unser Prophet (F.s.m.i) antwortete: „Ja, das gibt es, selbst wenn du die Waschung an einem fließenden Fluss vollziehen würdest.“[3]

Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) sagte ebenfalls: „Esst, trinkt, kleidet euch und gebt Almosen, ohne hochmütig und verschwenderisch zu sein“.[4] Damit spornte er neben dem Essen und Trinken zum Spenden an, wies auf die Gefahren hin und verbot Verschwendung und Hochmut.

In diesem Sinne wird auch von Ibn ‘Abbās überliefert: „Esst, was ihr wollt, und kleidet euch, wie ihr wollt, solange euch zwei Sünden nicht beflecken: Verschwendung und Hochmut.“ Daher sollte man beim Genuss der weltlichen Gaben nicht ins Extrem fallen. Selbst wenn etwas erlaubt (Helāl) ist, ist Maßlosigkeit verpönt (Mekrūh); es besteht die Sorge, dass sie zu Hochmut führen kann.

Der Stolz der Menschheit (F.s.m.i) sagte: „…wer (in seinem Essen, Trinken und seiner Kleidung) aus Demut für Gott bescheiden ist, den erhöht Gott immer weiter. Wer jedoch hochmütig ist und sich großtut, den erniedrigt der Erhabene Schöpfer immer weiter. Wer sparsam und maßvoll handelt, den macht Gott reich. Wer aber verschwendet, den lässt der Erhabene Schöpfer in Armut und Elend verfallen. Und wer Gott häufig gedenkt, mit dem wird der Erhabene Herr zufrieden sein.“[5]

Verschwendung und übermäßiger Konsum sind eine „schädliche Angewohnheit“, von der wir fälschlicherweise glauben, sie bringe uns Nutzen und Glück. Menschen, die verschwenden und die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und Gnadengaben nicht richtig einsetzen, geraten in eine Spirale negativen Verhaltens.

In der „Abhandlung über die Genügsamkeit“ von Bediuzzaman wird erklärt, zu welch einem verhängnisvollen Kreislauf von Konsequenzen die Verschwendung führt: Ein Mensch, der der Verschwendung verfallen ist, wird von Gier gepackt. Diese Gier bringt Verlust (einen spirituellen Niedergang) mit sich, was wiederum zu Unzufriedenheit (Mangel an Genügsamkeit), einer Schwächung der Reinheit der Absicht (Ikhlās) und einer Verringerung der jenseitigen Taten führt. Es wird dargelegt, dass Genügsamkeit zu Sparsamkeit und einer maßvollen Lebensweise führt. Wer verschwendet, handelt aus Gier und erleidet dadurch sowohl materiell als auch spirituell enormen Schaden.[6]

Kurz gesagt: Verschwendung und der Mangel an Sparsamkeit führen zu Unzufriedenheit, ständigem Beklagen des Lebens, Gier, Heuchelei und Unaufrichtigkeit. Zudem bricht Verschwendung einerseits die Würde des Menschen, während sie ihn andererseits dazu zwingt, vor anderen sein Gesicht zu verlieren, zu betteln und ein Leben in Armut zu führen.

Anstatt dass wir als Menschen von heute maßlos und unausgewogen Geld ausgeben, die uns geschenkten Gnadengaben gedankenlos konsumieren und unser Leben so vergeblich verbringen, als müssten wir keine Rechenschaft darüber ablegen, sollten wir vielmehr den Geist der Sparsamkeit und der inneren Unabhängigkeit (Istiġnā) zur Grundlage unseres Lebens machen. Wir sollten all unsere Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Kleidung, Wohnraum, Auto und Hausrat am Maßstab der Notwendigkeit ausrichten und versuchen, in jeder Angelegenheit nach der Regel der Bescheidenheit zu handeln. Ein solches Lebensverständnis würde in der heutigen Welt die Lösung für viele Probleme ermöglichen, mit denen wir vor allem im moralischen, sozialen und wirtschaftlichen Bereich konfrontiert sind.

Wie glücklich sind jene, die sich von Verschwendung fernhalten und ihre Bedürfnisse im Rahmen der Notwendigkeit halten! Frohe Botschaft jenen, die in jeder Angelegenheit darauf achten, nach der Regel der Bescheidenheit zu handeln.


[1] Sure el-A’rāf; 7:31

[2] Ahmed ibn Hanbel, el-Musned 1/447

[3] Ibn Mādje, Tahareh, 48

[4] Buckhārī, Libās 1

[5] Bezzār, el-Musned 3/160; Taberānī, el-Mu’cem el-Ewsat 5/139

[6] Bediuzzaman, 19. Reflexion

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