Die Frucht der Himmelsreise (Miʿrādj) das Hauptgebet


بسم الله الرحمن الرحيم

      وَأَقِيمُوا الصَّلَاةَ وَآتُوا الزَّكَاةَ وَارْكَعُوا مَعَ الرَّاكِعِينَ

„Und verrichtet das Gebet, und zahlt die reinigende Pflichtabgabe (Zakat), und verneigt euch (im Gebet, nicht indem ihr eine andere Gemeinschaft oder Versammlung bildet, sondern) mit denen, die sich verneigen (den Muslimen).“[1]

In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es:

      أَقْرَبُ مَا يَكُونُ الْعَبْدُ مِنْ رَبِّهِ فَهُوَ سَاجِدٌ، أَكْثِرُوا فِيهَا الدُّعَاءَ 

„In der Niederwerfung ist der Diener am nächsten zu Gott. Vermehrt in der Niederwerfung eure Bittgebete.“[2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!

Unsere Predigt wird sich mit dem Hauptgebet befassen, dem eigentlichen Geschenk der Himmelsreise.

Am äußersten Punkt der jenseitigen Reise wurde dem Gesandten Gottes, dem Propheten Muhammed (F.s.m.i.), das Hauptgebet als ein göttliches Geschenk verliehen. Das Hauptgebet ist eine lichtvolle Spirale, die den Gläubigen zur Himmelsreise emporführt. Zur Himmelsreise steigt man durch das Hauptgebet auf, zu Gott gelangt man durch das Hauptgebet. Jedem Menschen ist eine Himmelsreise in dem Maße bestimmt, wie er das Hauptgebet verrichtet. Die Aufgabe des Gläubigen ist es daher, in jedem Hauptgebet, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen, seine eigene Himmelsreise zu vollenden.

Das Hauptgebet bedeutet, dass der Mensch fünfmal am Tag reift, innerlich geformt wird und die Farbe annimmt, die von ihm erwartet wird. Mit anderen Worten, es ist das Sichtbarwerden des Zustands, den die Gebote Gottes im Menschen hervorbringen. Der ideale Gläubige ist jener, bei dessen Anblick das Herz auf den rechten Weg ausgerichtet wird und man sich an das Jenseits und an seinen Herrn erinnert. Als man unseren Propheten (F.s.m.i.) fragte: „Wer sind die auserwählten Diener Gottes?“, antwortete er: „Es sind jene Menschen, bei deren Anblick man sich an Gott, den Erhabenen und Majestätischen, erinnert.“[3]

Das Hauptgebet stellt fortwährend die Verbindung des Menschen zu Gott sicher und erhält seine Beziehung zur göttlichen Barmherzigkeit aufrecht. In dieser Hinsicht ist es nicht möglich, sich eine andere gottesdienstliche Handlung vorzustellen, die ihm gleichkommt. Das Hauptgebet ist die wertvollste Tat bei Gott; gäbe es etwas Wertvolleres, hätte Gott Seine Diener nicht fünfmal täglich damit verpflichtet.

Das Hauptgebet ist die erste gottesdienstliche Handlung, über die der Gläubige in der göttlichen Gegenwart Rechenschaft ablegen wird. Wer dem nicht nachgeht, lebt im größten Verlustabschnitt seines Lebens. Gott der Erhabene wird uns in dem Maße erhöhen und auf die höchste Stufe der Menschlichkeit erheben, wie wir Ihm demütig dienen. Leben wir hingegen als Sklaven unserer eigenen Interessen, und sind beschäftigt mit Alltäglichkeiten, so mögen wir äußerlich gewinnen, werden jedoch in Wahrheit sehr viel verlieren.

Im Koran wird unmittelbar nach den Glaubensfragen vom Hauptgebet gesprochen. Das Hauptgebet ist der Zwillingsbruder des Glaubens. Der Glaube bildet die theoretische Seite der Religion; diese theoretische Seite zu stärken und zu einer inneren Tiefe der Natur des Menschen werden zu lassen, ist nur durch das Hauptgebet und die übrigen gottesdienstlichen Handlungen möglich. Insofern kann man sagen, dass das Hauptgebet praktizierter Glaube ist, und der Glaube ein theoretisches Hauptgebet ist.

’Alī ( Gottes Wohlgefallen mit ihm) wurde beim Gang zum Hauptgebet blass, und seine Knie zitterten. Als man ihn fragte: „O Emir der Gläubigen, was ist dieser Zustand?“, antwortete er: „Wisst ihr nicht, dass ich gehe, um ein anvertrautes Gut zu erfüllen?“

’Abdullāh Ibn ’Umar (Gottes Wohlgefallen mit ihm) ging zum Hauptgebet in dem Bewusstsein der Schwere dieser Pflicht so langsam, dass die Menschen sagten: „Wenn eine Ameise sich mit ihm auf den Weg machte, würde sie ihn gewiss überholen.“

Das Hauptgebet ist ein Mittel zur Reinigung von Sünden. Der Gefährte Selmān (Gott habe Wohlgefallen an ihm) saß eines Tages mit seinen Freunden unter einem Baum. Er nahm einen Zweig in die Hand, schüttelte ihn und ließ die Blätter herabfallen. Dann sagte er zu den Anwesenden: „Werdet ihr mich nicht fragen, warum ich das tue?“ Als sie ihn fragten, warum er das tut, antwortete er: „Der Gesandte Gottes tat dies ebenfalls und fragte uns: ‚Werdet ihr mich nicht fragen, warum ich das tue?‘ Als wir dann nach dem Grund fragten sagte er (F.s.mi): ‚Wenn ein Muslim sorgfältig die Gebetswaschung vollzieht und sich dann zum Hauptgebet erhebt, fallen seine Sünden ab wie diese Blätter.‘“[4]

Der Gesandte Gottes (F.s.m.i.), sagte ein anderes Mal: „Wenn der Gläubige einen Vers rezitiert, der eine Niederwerfung erfordert, sich mit dem Gesicht zur Erde niederwirft und sich dadurch seinem Herrn nähert, flieht der Satan und ruft klagend: ‚Wehe mir! Dieser Mensch wurde zur Niederwerfung aufgefordert, er hat sich niedergeworfen, wurde des Paradieses würdig und erlangte das Wohlgefallen seines Herrn. Ich aber wurde ebenfalls zur Niederwerfung aufgefordert, widersetzte mich und für mich wurde das Höllenfeuer bestimmt.‘“[5]

Derjenige, der sagte: „Das Hauptgebet ist die wahre Freude meiner Augen“, unser Prophet Muhammed (F.s.m.i.), zeigte dem Hauptgebet eine solche Zuwendung, dass die edlen Gefährten zu wahren Liebhabern des Hauptgebets wurden. Auch in den Herzen jener, die seiner Spur folgten, erwachte eine tiefe Sehnsucht nach dem Hauptgebet als dem Kern aller gottesdienstlichen Handlungen.

Unsere geehrten Gefährten wurden dem Gottesdienst, insbesondere dem Hauptgebet, niemals überdrüssig. Sie verbrachten den Großteil der Nacht im Hauptgebet, standen bisweilen stundenlang im Stehen oder verharrten lange Zeit in der Niederwerfung. Die Süße des Hauptgebets ließ sie ihre körperliche Erschöpfung vergessen, und sie wünschten, diese Augenblicke der Nähe mögen niemals enden.

Auch die wahrhaftigen Gottesfreunde, die an der Schule der Gefährten heranwuchsen, wurden zu Helden des Hauptgebets. So rezitierte ʿAṭāʾ Ibn Ebî Rabāḥ selbst in seinen letzten Lebensjahren, als er alt, schwach und kraftlos war, in einer einzigen Gebetseinheit hundert Verse aus der Sure el-Baqara, was etwa vierzehn Seiten entspricht.

Als schönes Beispiel für die tiefe gottesdienstliche Sehnsucht jener Zeit wird berichtet, dass Ḥarūn er-Reschīd, einer der herausragenden Kalifen des Abbasiden, trotz seiner zahlreichen weltlichen und administrativen Aufgaben, während seiner gesamten Kalifatszeit bis zu seinem Tod täglich hundert Gebetseinheiten verrichtete.

Solange das Hauptgebet mit Ehrfurcht und innerem Respekt vollzogen wird, wird es zu einer Quelle weltlichen und jenseitigen Glücks.

Unser Prophet Muhammed (F.s.m.i.) sagte: „Steh auf, o Bilal! Rufe uns zum Hauptgebet! Erquicke uns durch das Hauptgebet!“ und erinnerte seine Gemeinschaft daran, dass die Last des intensiven Lebens nur durch das Hauptgebet gelindert werden kann.[6]

Betrachten wir daher unsere Hauptgebete nicht als Bürde, sondern als eine Gnade, die unseren von den täglichen Aufgaben ermüdeten Seelen Ruhe schenkt. Verrichten wir sie ohne Aufschub, nicht nachlässig, unter Beachtung ihrer Sunna und der vorgeschriebenen Ordnung, tiefen Konzentration.

Unsere Aufgabe ist es, mit unseren Absichten und in unseren gottesdienstlichen Handlungen nach Vollkommenheit zu streben. Auch wenn wir das Ziel nicht vollständig erreichen, erhalten wir dennoch den Lohn unserer Absicht. Vergessen wir nicht: „Die Absicht des Gläubigen ist besser als seine Tat.“[7]

Möge Gott unseren Herzen die wahre Bedeutung des Hauptgebets spürbar machen und unsere Seelen mit der Freude an der Anbetung erfüllen. Amin!


[1] Sure el Baqara 2:43

[2] Muslim, Ṣalāt 215

[3] Ṭaberī, 4/2731

[4] Aḥmed Ibn Ḥanbel, el-Musned 5/437

[5] Muslim, ʾīmān, 133

[6] Ebū Dawūd, Edeb 78

[7] Ṭaberānī, VI, 185–186

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