
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
وَمِنْ اٰيَاتِه۪ٓ اَنْ خَلَقَ لَكُمْ مِنْ اَنْفُسِكُمْ اَزْوَاجًا لِتَسْكُنُٓوا اِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُمْ مَوَدَّةً وَرَحْمَةًۜ
اِنَّ ف۪ي ذٰلِكَ لَاٰيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ
„Und unter Seinen Zeichen ist dieses, dass Er für euch aus euch selbst Gefährtinnen und Gefährten erschaffen hat, damit ihr euch ihnen zuneigen und Ruhe in ihnen finden möget, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch erzeugt. Darin sind fürwahr Zeichen für Menschen, die nachdenken“[1]
In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es:
كُلُّ مَا صَنَعْتَ إِلَى أَهْلِكَ فَهُوَ صَدَقَةٌ عَلَيْهِمْ
„Alles, was du für deine Familie tust, gilt als Almosen.“[2]
Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!
Die Familie ist eine kleine Nation, und die Nation ist eine große Familie. Die Sittenlosigkeit und der moralische Verfall innerhalb einer Familie spiegeln sich auch in der Gesellschaft wider und machen sie zu einem Gefangenen ihrer Begierden und Leidenschaften. Betrachtet man Menschen, die in unterschiedlichem Maße Straftaten begehen, so zeigt sich, dass die meisten aus problematischen, zerrütteten oder von Gewalt geprägten Familien stammen oder als Kinder sich selbst überlassen wurden.
Die Familie schützt den Menschen wie eine Festung vor jeder Form psychischer, sexueller, körperlicher und wirtschaftlicher Gewalt sowie vor Angriffen aller Art. Der Gesandter Gottes (F.s.m.i.) verkündet die frohe Botschaft, dass eine Ehe, die ihrer Bestimmung entsprechend geschlossen und geführt wird, die Hälfte der Religion bewahrt. Er (F.s.m.i) sagte: „Wenn ein Diener heiratet, hat er die Hälfte seiner Religion vervollkommnet. So soll er hinsichtlich der verbleibenden Hälfte Gott gegenüber gottesfürchtig sein!“[3]
Mit der Ehe ergänzen und vervollständigen Mann und Frau einander in biologischer, psychologischer und religiöser Hinsicht. Nach den Worten des Propheten (F.s.m.i.) wird jeder von ihnen zum „Scheqīq“, das heißt zur ergänzenden Hälfte des anderen.
Das Heilmittel gegen Einsamkeit ist die Familie. Nimmt man die wertvolle Form des bewussten Alleinseins aus, so bleibt die Familie das wirksamste Mittel gegen jede andere Art von Einsamkeit. Ganz gleich, aus welchem Zweck oder mit welchen Gefühlen Beziehungen, Freundschaften oder Gemeinschaften außerhalb der Familie entstehen, sie können die Einsamkeit des Menschen niemals in derselben Weise lindern wie die Familie.
Eine weitere wichtige Aufgabe der Familie besteht darin, Kultur und Lebenserfahrung weiterzugeben. Die umfassenden Erfahrungen und Werte, welche die Älteren im Laufe ihres Lebens erworben und ihrerseits von den vorherigen Generationen übernommen haben, werden sowohl durch ihr Vorbild als auch durch ihre Worte an das neu verheiratete Ehepaar und an die Kinder weitergegeben. Von der Elternschaft und der Ehe über Konflikte und Erziehung bis hin zum Umgang mit Nachbarn werden all diese großen Lebenslektionen in einer Großfamilie ganz natürlich vermittelt, obwohl jede für sich einen eigenen Lehrgang füllen könnte.
Im Koran heißt es: „Sie (eure Ehefrauen) sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand.“[4]
So wie ein Gewand den Menschen schützt, bewahren Ehepartner einander vor äußeren Angriffen, dem bösen Blick, Neid sowie verletzenden Worten und Handlungen. Ebenso bedecken sie gegenseitig ihre Schwächen, missverständliche Worte oder Taten sowie alles, was ihrer Religion, ihrer Ehre oder ihrem Ansehen schaden könnte.
Ein bemerkenswerter Aspekt des Eingangs rezitierten Koranverses ist die Aussage: „…Und unter Seinen Zeichen ist dieses, dass Er für euch aus euch selbst Gefährtinnen und Gefährten erschaffen hat“
Dies zeigt, dass das Bedürfnis nach innerer Ruhe bereits im Paradies vorhanden war und dass diese Ruhe selbst dort durch den Ehepartner gestillt werden sollte. Wenn bereits unsere ersten Eltern, Adam und Eva, im Paradies dieser Geborgenheit bedurften, dann werden ihre Nachkommen sie in dieser Welt, die im Vergleich zum Paradies einem Gefängnis gleicht, noch viel mehr benötigen.
Fasst man die Verse des Korans und die Hadithe über die Familie zusammen, wird deutlich, dass die Familie nicht nur eine soziale Gemeinschaft ist, sondern ein Ort der Spiritualität, an dem das Wohlgefallen Gottes in besonderem Maße erlangt wird. Die Familie gleicht einem Gotteshaus ohne Mauern, einem Ort fortwährender guter Taten, der weder an bestimmte Zeiten noch an besondere Bedingungen gebunden ist.
Unser Prophet (F.s.m.i.) verkündet, dass jeder Dienst eines Menschen, ob Mann oder Frau, an seiner Familie als Almosen (Ṣadaqa) gilt. Darüber hinaus richtete er (F.s.m.i) sich besonders an die Frauen und sagte: „Dein Dienst an deinem Ehemann ist eine Ṣadaqa“
Damit macht er deutlich, dass jede gute Tat innerhalb der Ehe, die um Gottes Wohlgefallen willen verrichtet wird, als Almosen belohnt wird.
Tatsächlich können alle erlaubten Handlungen eines Menschen durch eine aufrichtige Absicht zu Gottesdienst werden, denn die Absicht ist der Geist jeder Tat.
Ebenso sagte der Gesandter Gottes (F.s.m.i.): „Für jede Ausgabe, die du im Streben nach Gottes Wohlgefallen tätigst, wirst du belohnt, sogar für den Bissen, den du deiner Ehefrau in den Mund legst.“[5]
Und er (F.s.m.i) sagte: „Wenn eine Frau ihre fünf täglichen Gebete verrichtet, im Ramadan fastet, ihre Keuschheit bewahrt und ihrem Ehemann Folge leistet, wird sie das Paradies ihres Herrn betreten.“
Im Mittelpunkt der Spiritualität der Familie steht die gegenseitige Zufriedenheit. Die Hadithe:
„Eine Frau, deren Ehemann mit ihr zufrieden ist, wenn sie stirbt, wird das Paradies betreten.“
In einem anderen Hadith sagt er (F.s.m.i): „Die Besten unter euch sind diejenigen, die am besten zu ihren Familien sind.“
Dies alles zeigen, dass die gegenseitige Zufriedenheit innerhalb der Familie ein Weg zum Paradies ist.[6]
Diese Zufriedenheit entsteht dadurch, dass man den anderen nicht verletzt, ihm keine Last wird, Verständnis zeigt, ihn zufriedenstellen möchte, sein Herz gewinnt und seine Rechte wahrt. Wo Zufriedenheit herrscht, herrschen auch Frieden, Barmherzigkeit, Sanftmut und göttliche Gnade. Im Islam ist Barmherzigkeit nicht nur ein Gefühl, sondern eine moralische Verpflichtung, die sich im Handeln zeigen muss.
Die Gesamtheit der religiösen Quellen macht eine grundlegende Wahrheit deutlich: Die Familie ist eine Weggemeinschaft, in der Ehepartner einander Gott näherbringen. Die Familie ist weit mehr als eine weltliche Institution, sie ist eine Gemeinschaft mit Blick auf das Jenseits. Deshalb sind die guten Taten innerhalb der Familie besonders verdienstvoll, denn gerade dort wird der Mensch am stärksten mit seinem eigenen Ego geprüft.
Außerhalb des Hauses Geduld zu zeigen, ist leicht, innerhalb der Familie ist es schwer. Fremden gegenüber barmherzig zu sein, ist leicht, den eigenen Angehörigen gegenüber ist es schwer. Außerhalb zu vergeben, ist leicht, innerhalb der Familie zu vergeben, ist schwer. Doch gerade das Schwierige wird bei Gott höher belohnt.
Ehrte Gläubige!
Betrachtet man die Gesamtheit der Hadithe, so erkennt man, dass die Spiritualität der Familie auf acht grundlegenden Säulen ruht: Absicht, Barmherzigkeit, gegenseitige Zufriedenheit, Almosenbereitschaft, gegenseitiger Dienst, Wahrung der Keuschheit, Geduld und Liebe.
Diese Elemente sind untrennbar miteinander verbunden. Wird eines gestärkt, so stärkt es auch die anderen. Geduld bringt Barmherzigkeit hervor, Barmherzigkeit führt zur Zufriedenheit, Zufriedenheit schafft Frieden, Frieden erleichtert den Gottesdienst, Gottesdienst stärkt die Gottesfurcht, und Gottesfurcht wiederum stärkt die Geduld. So entsteht innerhalb der Familie ein moralischer Kreislauf, der ihre Spiritualität ständig nährt.
Zusammenfassend ist die Familie ein geistiger Zufluchtsort, an dem Gott Seinen Dienern die meisten Belohnungen gewährt, Seine Barmherzigkeit herabsendet und ihnen die meisten Möglichkeiten gibt, Gutes zu tun. Die Familie ist eine Schule, in der Geduld, Barmherzigkeit, Opferbereitschaft, Vergebung, Gerechtigkeit, Liebe und Verantwortungsbewusstsein gelehrt werden.
Ebenso tragen die aufrichtigen Gebete von Eltern, Ehepartnern und Kindern füreinander, ihre gegenseitige Beratung, ihre Gespräche, ihr Bemühen, einander religiös zu bilden und Mängel im Gottesdienst auszugleichen, ihre aufrichtigen Lächeln und freundlichen Gesten, ihr Einsatz füreinander in schwierigen Zeiten sowie ihre Geduld angesichts der unterschiedlichen Herausforderungen des Familienlebens dazu bei, dass sie an Reife gewinnen und – je nach ihrer Absicht – das Wohlgefallen Gottes erlangen.
Möge Gott uns gewähren, unsere Häuser zu einem Garten von den Gärten des Paradieses werden zu lassen. Amin!
[1] Sure er Rūm 30:21
[2] Nesāī, Sunen el Kubrā 5/376
[3] Beyhaqī, Schuʿab el-ʾĪmān, 4/382
[4] Sure el Baqara 2:187
[5] Bukhārī, Meghāzī, 73
[6] Tirmidhī, Raḍāʿ, 11