Die Absicht (Niyye)

بسم الله الرحمن  الرحيم

قُلْ إِن تُخْفُواْ مَا فِي صُدُورِكُمْ أَوْ تُبْدُوهُ يَعْلَمْهُ اللّهُ وَيَعْلَمُ مَا فِي السَّمَاوَاتِ وَمَا فِي الأرْضِ وَاللّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ

„Sage (zu den Gläubigen): “Ob ihr geheim haltet, was in euren Brüsten ist, oder es offenbart, Gott weiß es. Er weiß, was in den Himmeln ist und auf Erden. Und Gott hat volle Macht über alle Dinge.“[1]

In einer Überlieferung unseres Propheten (F.sm.i.) heißt es:

إِنَّمَا اْلاَعْمَالُ بِالنِّيَّاتِ وَإِنَّمَا لِكُلِّ امْرِئٍ مَا نَوَى فَمَنْ كَانَتْ هِجْرَتُهُ إِلَى اللّٰهِ وَرَسُولِهِ فَهِجْرَتُهُ إِلَى اللّٰهِ وَرَسُولِهِ وَ مَنْ كَانَتْ هِجْرَتُهُ لِدُنْيَا يُصِيبُهَا أَوِ امْرَأَةٍ يَنْكِحُهَا فَهِجْرَتُهُ إِلَى مَا هَاجَرَ إِلَيْهِ 

Die Handlungen bemessen sich nach den Intentionen und jedermann steht das zu, was er beabsichtigt hat. Wer also seine Auswanderung um Gott und Seines Gesandten Willen unternommen hat, dessen Auswanderung gilt für Gott und Seines Gesandten. Wer aber seine Auswanderung unternommen hat, um etwas Weltliches zu erreichen oder eine Frau zu heiraten, dessen Auswanderung gilt für das, was er mit seiner Auswanderung beabsichtigt hat.“[2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime! Unsere heutige Predigt handelt von der Absicht und dem was es dem Menschen einbringt.

Die Absicht ist, wenn eine Person sich entschließt, etwas zu tun, entsteht im Herzen der Grund für die Handlung.  Es ist also die Neigung, das Bewusstsein im spirituellen Herz. Im religiösen Sinn bedeutet die Absicht, eine Handlung im Herzen mit der Absicht zu verbinden, um das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Die vollkommenste Form der ist die Reinheit der Absicht (Ikhlāṣ) Wenn eine Handlung neben dem Streben nach Gottes Wohlgefallen auch ein weltliches Ziel verfolgt, ist die Reinheit der Absicht nicht vollkommen.

Die Bedeutung der Absicht und ihre Funktion als grundlegendes Maß bei der Bewertung von Taten werden in vielen Koranversen mit ähnlichen Aussagen betont. In dem zu Beginn unserer Predigt gelesenen edlen Vers hat Gott, der keinerlei Verborgenes kennt und alles Offenbare wie auch das Verborgene weiß und sieht, mitgeteilt, dass Er die Menschen nach ihren Absichten zur Rechenschaft ziehen wird. Ebenso wird in diesem edlen Vers erklärt, dass selbst dann, wenn eine begonnene Handlung nicht zu Ende geführt werden kann, sie entsprechend der ursprünglichen Absicht vergolten wird.

 „Wer auch immer auswandert für Gottes Sache, findet auf Erden viele Zufluchtsorte und reichlich bemessenen Wohlstand. Wer sein Haus verlässt und für Gott und Seinen Gesandten auswandert und es ereilt ihn dann der Tod (während er unterwegs ist), dessen Lohn obliegt ganz gewiss Gott. Gott ist vergebend, barmherzig.“[3]

Das Thema des „Wollens des Herzens“ in der Absicht bedeutet nicht einfach, etwas nur im Verstand oder Herzen vorbeiziehen zu lassen. Vielmehr bedeutet es, dass der Mensch in dem, was er beabsichtigt, entschlossen und standhaft ist und sich bemüht, seine Absicht sofort in die Tat umzusetzen. Mit anderen Worten bildet die Hinwendung zu Gott den theoretischen Teil der Absicht, während ihre Umsetzung in die Praxis den praktischen Teil darstellt. Folglich kann eine Absicht, die zu einer Handlung führt, den Menschen retten. Im Gegenteil wird eine Absicht, die nicht in Entschlossenheit, Mühe und Handlung übergeht, den Menschen niemals retten. Die Absicht ist in diesem begrenzten und vergänglichen Leben ein geheimnisvoller Schlüssel, der Türen und Fenster zur Unendlichkeit öffnet. Manche kleinen Taten werden durch die Absicht groß; sie werden, obwohl sie ein einzelnes Korn sind, zu tausend Ähren, obwohl sie ein Tropfen sind, zu einem Meer. Und manche Anstrengungen und Bemühungen, so groß wie Berge, bleiben wegen einer schlechten Absicht ohne Ergebnis und gering.

Sālim, der Sohn des Gelehrten und Asketen ʿAbdullah Ibn ʿUmer und einer der sieben Rechtsgelehrten von Medina, schrieb in einem Brief an den Kalifen ʿUmer Ibn ʿAbd el-ʾAzīz Folgendes: „Wisse gut, dass Gottes Hilfe für den Diener in dem Maß geschieht, wie dessen Absicht ist. Wessen Absicht vollkommen ist, dessen Hilfe durch Gott ist ebenfalls vollkommen. Je mehr die Absicht nachlässt, desto mehr lässt auch Gottes Hilfe nach.“

Nach dem Hadith „Die Taten sind entsprechend den Absichten“ erhalten unsere Handlungen ihren Wert vor Gott nur dadurch, dass wir sie mit der Absicht verrichten, Sein Wohlgefallen zu erlangen. So ist es beispielsweise eine große Sünde, die bis zum Bereich der Beigesellung Gottes reicht, das Gebet zu verrichten oder Almosen zu geben, nur damit die Menschen einen sehen und loben. Wenn jedoch ein gläubiger Mensch keinerlei Gedanken an Angeberei hegt, sondern im Gegenteil an einem Ort betet oder Almosen gibt, an dem andere es sehen können, um sie zu diesen gottesdienstlichen Handlungen zu ermutigen, dann ist dies eine tugendhafte Handlung. Ein solcher Gläubiger erfüllt seine Pflicht und erhält aufgrund seiner guten Absicht zusätzlich Lohn. Gott schaut nicht auf unsere äußere Form oder Gestalt, sondern auf unsere Herzen und bewertet unsere Absichten.[4]

In der islamischen Rechtslehre umfasst die Absicht auch gottesdienstliche Handlungen wie das Hauptgebet, Fasten, läuternde Pflichtabgabe, Pilgerfahrt, das Totengebet und die Auswanderung um Gottes willen, und bei all diesen Handlungen ist die Absicht verpflichtend. Wer seine Absicht, die man als die Besmele der zu verrichtenden Gottesdienste bezeichnen kann, aufrichtig gestaltet, verrichtet seine gottesdienstlichen Handlungen bewusster und mit größerem Verständnis.

In der Ḥanefitischen Rechtslehre gilt es als empfehlenswert, die Absicht zu Beginn des Gebets mit der Zunge auszusprechen. Wenn die Zunge zwar eine Absicht äußert, das Herz jedoch diesen Gedanken nicht teilt, ist die Absicht nicht gültig. Entscheidend bei der Absicht ist, dass sie im Herzen gefasst wird. Die Ḥanefiten sagen, dass die Absicht bei der Gebetswaschung und bei der Ganzkörperwaschung (Ghusl) Sunna ist, während die Schafiiten und Ḥanbeliten sie als verpflichtend ansehen.

In Koran und Hadith wird deutlich, dass die Absicht sowohl für die Gültigkeit der Gottesdienste als auch für ihren moralischen Wert ein bestimmendes Element ist. Ja, die Absicht verwandelt eine gewöhnliche alltägliche Handlung in einen Gottesdienst.

Die anderen erlaubten weltlichen Taten eines Betenden erhalten durch eine gute Absicht den Rang eines Gottesdienstes. Wenn jemand beim Essen daran denkt, dass er durch die Kraft, die er aus dieser Nahrung erhält, Gott dienen wird, verdient er sogar beim Essen Lohn. Wenn jemand seinen gewöhnlichen Handel betreibt und dabei daran denkt, seine Arbeit bestmöglich zu verrichten, den Menschen zu dienen und sie nicht zu betrügen, kann er sowohl Geld als auch Lohn erwerben.

In einem Hadith erläutert der Gesandte Gottes im Zusammenhang mit der Bedeutung der Absicht Folgendes:

„Wer eine gute Tat zu tun beabsichtigt, sie dann aber nicht ausführen kann, dem schreibt Gott sie als vollkommene gute Tat nieder. Und wenn jemand eine gute Tat beabsichtigt und sie dann tatsächlich ausführt, schreibt Gott sie ihm ab dem Zehnfachen bis zum Siebenhundertfachen, ja sogar vielfach darüber hinaus gut. Wer eine schlechte Tat beabsichtigt und dann davon ablässt, dem schreibt Gott dies als vollkommene gute Tat nieder. Wenn der Mensch jedoch eine schlechte Tat beabsichtigt und sie dann ausführt, schreibt Gott diese Sünde nur als eine einzige Sünde auf.“[5]

Zusammenfassend können wir sagen, dass die Absicht im Leben eines Gläubigen alles ist. Sie ist es, die den toten Handlungen eines Menschen Lebendigkeit verleiht und sein ganzes Leben zu einem Feld macht, das tausendfachen Ertrag bringt. Im begrenzten Leben dieser Welt ist es die gute Absicht, die alle Türen und Fenster zur ewigen Glückseligkeit öffnet, und ebenso ist es die schlechte Absicht, die ewige Unglückseligkeit und ewigen Verlust vorbereitet.

Möge unser Herr unsere Absichten rein und unsere Taten annehmbar machen. Amin!


[1] Sure ʾāl ʿImrān 3:29

[2] Bukhārī , 1

[3] Sure En Nisā 4:100

[4] Muslim, Birr, 33

[5] Bukhārī, Riqāq 31

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