Der Monat Dhū‘l Hidsche und der Tag ‘Arefe

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

ثُمَّ اَف۪يضُوا مِنْ حَيْثُ اَفَاضَ النَّاسُ وَاسْتَغْفِرُوا اللّٰهَۜ اِنَّ اللّٰهَ غَفُورٌ رَح۪يمٌ

„Dann (entscheidet euch nicht dafür, in Al-Muzdalifa zurückzubleiben, ohne den Berg ‘Arafat zu erklimmen, weil ihr aus Eitelkeit nicht mit den anderen Menschen zusammen sein wollt; stattdessen) eilt in Scharen weiter, von wo all die (anderen) Menschen weitereilen, und fleht Gott um Verzeihung an (dafür, dass ihr euch Ihm vordem in irgendeiner Weise widersetzt habt, und für die Fehler, die ihr während der Hadsch gemacht habt). Wahrlich, Gott ist verzeihend, barmherzig.“[1]

In einer Überlieferung unseres Propheten (F.s.m.i) heißt es :

صَوْمُ يَوْمِ عَرَفَةَ كَفَّارَةُ سَنَتَيْنِ سَنَةٍ قَبْلَهُ وَسَنَةٍ بَعْدَهُ

„Das Fasten am Tag des ʿArafe ist eine Sühne für die Sünden von 2 Jahren. Für das vergangene Jahr und für das kommende Jahr.[2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime! Unsere heutige Predigt handelt vom Monat Dhū‘l Hidsche und dem Tag ʿArafe , also dem Vortag vom Fest der Annäherung. 

Wir befinden uns im Monat Dhū‘l Hidsche , dem 12. Monat des Mondkalenders. Am 10. Dhū‘l Hidsche, also Mittwoch, den 27. Mai ist der Erste Tag des Festes der Annäherung. 

Dhū‘l Hidsche bedeutet vom Wortlaut her „ Monat der Pilgerfahrt“. Denn zwischen dem 8 und dem 13. In diesem Monat, wird die große Pilgerreise absolviert. 

Gesegnete Monate, Tage und Nächte gehören zu den Symbolen des Islams; sie haben eine besondere Bedeutung und Würde. Es wird von ‘Abdullah Ibn Abbās überliefert, dass er die im Vers “Und gedenkt Gottes während der festgesetzten Tage”[3] erwähnten “festgesetzten Tage” entweder als die ersten zehn Tage des Dhū‘l Hidsche oder als die ersten vier Tage des Fest der Annäherung interpretiert hat.

Der Gesandte Gottes (F.s.m.i.) sagt in einem Hadith: „Sprecht in diesen Tagen häufig den Lobpreis, das Lob, das Bekenntnis der Einheit Gottes und die Verherrlichung“[4].

Da diese Tage, Tage der Vergebung und Barmherzigkeit sind, ist es von Nutzen, Bittgebete um Vergebung zu sprechen.

‘Abdullah ibn ‘Umar (Gott habe Wohlgefallen an ihm) berichtet: „Wir zählten, dass der Gesandte Gottes (F.s.m.i) an einem Ort hundertmal sagte:

« رَبِّ اغْفِرْ لِي ، وَتُبْ عَلَيَّ إِنَّكَ أَنْتَ التَّوَّابُ الرَّحِيمُ » „Mein Gott! Vergib mir und nimm meine Reue an. Denn Du bist derjenige, der die Reue annimmt und der Allbarmherzige ist.“[5]

In diesen Tagen zu fasten ist empfehlenswert (musteḥabb). Einige rechtschaffene Gelehrten pflegten an den vorzüglichen Tagen zu fasten. Außer an den religiösen Festtagen und im Monat Ramadan kann man an jedem Tag des Jahres freiwillig fasten.

Werte Gläubige!

Der neunte Tag des Monats Dhul-Hidsche ist der ‘Arafe-Tag. Unser Prophet (F.s.m.i) beschreibt die Vorzüglichkeit dieses Tages wie folgt: „Der vorzüglichste aller Tage ist der Tag von ‘Arafe. In seiner Vorzüglichkeit gleicht er dem Freitag. Er ist verdienstvoller als siebzig Pilgerfahrten, die an anderen Tagen als einem Freitag verrichtet werden. Und das vorzüglichste Bittgebet ist das Bittgebet, das am Tag von ‘Arafe gesprochen wird“[6]

In einem anderen Hadith heißt es: „Wer am Tag von ‘Arafe seine Zunge, seine Ohren und seine Augen vor Verbotenem schützt, dem werden die kleinen Sünden zwischen zwei Arafa-Tagen vergeben.“[7]

In einer anderen Überlieferung wird berichtet, dass der Satan an diesem Tag verzweifelt und zugrunde gerichtet ist. Denn Gott behandelt an diesem Tag alle Gläubigen mit Vergebung und Barmherzigkeit.

Zudem wird berichtet, dass Gott der Erhabene an diesem gesegneten Tag in besonderer Weise Seine Gnade offenbart. Diese besondere göttliche Zuwendung gilt nicht nur denjenigen, die sich in der Pilgerfahrt befinden, sondern allen Gläubigen. Allerdings hängt das Teilhaben an diesen Segnungen davon ab, sich in diesen Nächten und Tagen mit rechtschaffenen Taten zu beschäftigen.

Unser Prophet (F.s.m.i) sagte, um auf die Bedeutung dieses Tages hinzuweisen: „Ehrt den ‘Arafe-Tag! Denn es ist ein Tag, dem Gott besonderen Wert beigemessen hat.“

Einem Tag, dem Gott Bedeutung gibt, sollten auch wir Bedeutung beimessen. So sollten wir uns innerlich auf diese gesegneten Tage einstellen und sie mit Gottesdienst, Bittgebet und guten Taten beleben. Menschen können sich an diesem Tag in einer Moschee oder an einem anderen Ort versammeln, um die Pilger in ‘Arafat nachzuahmen. 

Der ʿArafa-Tag ist nicht nur für die Pilger auf ʿArafāt von besonderer Bedeutung. Auch die Gläubigen, die nicht an der Pilgerfahrt teilnehmen, sollten diesen Tag bewusst nutzen. In diesen gesegneten Tagen stimmen die Muslime in besondere Lobpreisungen ein, mit denen sie die Größe Gottes verkünden. Sie feiern das Fest der Annäherung, bringen ihre Opfertiere dar und wenden sich Gott mit Reue, Bittgebeten und Gottesdienst zu. 

An diesem Tag, an dem die Segnungen und die spirituelle Frucht der Pilgerfahrt zusammenkommen, ist es sehr wahrscheinlich, dass diejenigen, die mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bitten, Anteil an der göttlichen Vergebung und den Gnaden erhalten,  die den Menschen in ‘Arafāt gewährt werden.

Verehrte Muslime!

Nach der hanafitischen Rechtsschule ist es für jeden religiös Verpflichteten – ohne Unterschied zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Reisenden und Ortsansässigen – eine Soll-Aufgabe (wâdschib), die Lobpreisung Gottes anlässlich des Festes der Annäherung nach jedem Pflichtgebet zu sprechen. Dies beginnt mit dem Morgengebet am Tag von ‘Arefe und dauert bis zum Nachmittagsgebet des vierten Festtages an, insgesamt also über 23 Gebetszeiten hinweg.

Die Lobpreisung Gottes an diesen Tagen lautet wie folgt:

Allāhu ekber, Allāhu ekber. Lā ilāhe illallāh wallāhu ekber. Allāhu ekber we lillāhil-ḥamd.

Die Bedeutung lautet wie folgt:

„Gott ist groß, Gott ist groß. Es gibt keine Gottheit außer Gott. Gott ist groß, Gott ist groß. Und alles Lob gebührt Gott.“

Am ‘Arafe-Tag die Sure el-Ikhlās tausendmal lesen

Es gibt Überlieferungen über die Vorzüge des wiederholten Rezitierens der Sure el-Ikhlās in verschiedenen Anzahlen, ebenso Berichte über die besondere Vorzüglichkeit, sie tausendmal zu lesen: „Wer die Sure ‚Qul huwallāhu eḥad‘ (el-ikhlās) tausendmal liest, hat seine eigene Seele von Gott freigekauft.“[8]

In einer weiteren Überlieferung heißt es: „Wer am Arafa-Tag tausendmal die Sure ‚Qul huwallāhu aḥad‘ liest, dem wird Gott geben, worum er bittet.“[9]

Da die Rezitation an einem Tag schwerfallen kann, ist es auch möglich, sie auf zwei Tage aufzuteilen: fünfhundertmal am Vortag und fünfhundertmal am ʿArafa-Tag selbst. Einige islamische Gelehrte berichten aus Erfahrung, dass durch den Segen dieser Rezitation bestimmte Wahrheiten im Herzen erschlossen werden und viele spirituelle Empfindungen dadurch genährt werden.

Werte Gläubige!


Die Zeit gleicht einem Fluss, der unaufhaltsam dahinströmt und niemals zurückkehrt. Diese gesegneten Tage sind eine göttliche Einladung, uns an die Horizonte der Dienerschaft zu erinnern, die wir vergessen haben, und uns auf die Gipfel des spirituellen und inneren Lebens zu tragen.

Lasst uns die Schleier der Achtlosigkeit gegenüber den vergänglichen Verlockungen der Welt zerreißen und die Richtung unseres Herzens vollständig auf den Ehrwürdigen Einen ausrichten.

Möge der Erhabene Herr uns um dieser gesegneten Tage willen unsere Sünden vergeben und uns ebenfalls Anteil gewähren an den Gnaden und Wohltaten, die Er den Menschen in ‘Arafat und Muzdalifa schenkt. Amin!


[1] Sure el Baqara 2:199
[2]  Ṣaḥīḥ Muslim, No 1162
[3] Sure el Baqara 2:203
[4] Schewqānī, Neyl el Ewthār , III, 354
[5] Ebu Dawud, Witr 26
[6] Muweṭṭa, Ḥadj, 346
[7] Suyūṭī, Djāmiʿu’ṣ-Ṣaġīr, 3/471
[8] Suyūṭī, el-Fetḥ el-Kebīr, 3/227
[9] Munāwī, Feyḍ el-Qadīr, 6/203

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