Der Keuschheit und der Willenskraft gerecht werden

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

قُلْ لِلْمُؤْمِن۪ينَ يَغُضُّوا مِنْ اَبْصَارِهِمْ وَيَحْفَظُوا فُرُوجَهُمْۜ ذٰلِكَ اَزْكٰى لَهُمْۜ اِنَّ اللّٰهَ خَب۪يرٌ بِمَا يَصْنَعُونَ

„Sage zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke niederhalten sollen (und keine Frauen anschauen, die zu heiraten ihnen erlaubt ist, und nicht auf den Intimbereich anderer schauen) und dass sie ihren Intimbereich schützen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Und Gott ist vollkommen dessen gewahr, was sie tun.“[1]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!

Unsere heutige Predigt handelt von der Keuschheit und der Pflicht, die Kraft unseres eigenen Willens rechtmäßig zu nutzen.

Keuschheit bedeutet, sich von hässlichen Worten und Taten fernzuhalten, sich mit den Freuden und Genüssen im erlaubten Rahmen zu begnügen, das Verbotene zu meiden und ein Leben zu führen, das an moralischen Werten ausgerichtet ist. In dieser Hinsicht bedeutet Keuschheit, die Kraft des Willens zu nutzen, um körperliche und triebhafte Begierden unter Kontrolle zu halten. Keuschheit, die auch die Bedeutung von Genügsamkeit und dem Verzicht auf das Betteln bei anderen in sich trägt, wird in einem weiten Rahmen betrachtet – von der Reinheit der Gedanken bis hin zur Berufsethik.

Der Koran weist darauf hin, dass die Gläubigen voller Schamgefühl (ḥayā) und Keuschheit sind. Als Lohn für ein keusches Leben verheißt er Gottes Vergebung und wunderbare Überraschungen im Jenseits. Aufgrund der Wichtigkeit des Themas werden Frauen und Männer gesondert erwähnt und allen Gläubigen wird befohlen, keusch zu sein und den verbotenen Blick zu meiden, der als Eingangstor zur Unkeuschheit gilt. Zudem zeigt uns der Koran Monumente der Keuschheit wie den Propheten Josef (F.s.m.i) und die Ehrenwürdige Maria (Gott habe Wohlgefallen an ihr) als Vorbilder für Schamgefühl und Unschuld.

Als der Prophet Josef (F.s.m.i) von der Ehefrau des Autoritären Person, in dessen Haushalt er lebte, zur Sünde eingeladen wurde, sagte er: “Mein Herr! Der Kerker ist mir lieber als das, wozu sie mich auffordern. Wenn Du nicht ihre Arglist von mir abwendest, könnte ich mich zu ihnen hingezogen fühlen und zu einem der Unwissenden werden (zu einem von  jenen, die solchen Versuchungen erliegen)“.[2] Er nahm es auf sich, jahrelang im Gefängnis zu bleiben, anstatt einen Makel auf seine Keuschheit kommen zu lassen, und wurde so zu einem bleibenden Vorbild für alle keuschen Menschen bis zum Jüngsten Tag.

Diese Geduld und Willenskraft wurde nach dem Prophet Josef (F.s.m.i) auch von anderen Keuschheitshelden und Keuschheitsheldinnen verkörpert. Wenn von Keuschheut die Rede ist, erinnern wir uns an die Worte Gottes „Und gedenke/berichte im Buch über Maria“.[3] Die Ehrwürdige Maria ist ein vollkommenes Beispiel der Keuschheit für die gesamte Menschheit.

Die Schutzbarrieren des Islam

Der Islam hat Disziplinen festgelegt, um unsere Keuschheit zu bewahren. Diese Disziplinen sind in gewisser Weise wie Barrieren, Grenzen und Schutzschirme für uns.

Der Koran und die Sunna haben die Wege, die zu Sünden führen, von vornherein versperrt. Unzucht (Zinā) ist eine große Sünde. Da der verbotene Blick das Tor zu dieser Sünde öffnet, ist auch er eine Sünde und verboten. So wie der Koran bestimmte Sünden direkt verbietet, warnt er vor anderen mit dem Ausdruck: „Nahrt euch nicht (einmal) …!“ Er ruft den Gläubigen zu: „Und naht nicht der Unzucht!“[4] Letztendlich befiehlt er uns damit, uns von jeder Atmosphäre fernzuhalten, die uns zur Sünde verleiten könnte.

Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) beschreibt den verbotenen Blick als einen der giftigen Pfeile des Satans.[5] Wenn ein satanischer Pfeil unsere Vorstellungskraft trifft, sollten wir uns, wenn möglich, sofort davon entfernen und versuchen, den Riss, der in unserem Geist entstanden ist, unverzüglich zu flicken. Bevor dieser Pfeil tiefer eindringt und bevor die Wunde, die wir davontragen, ein tödliches Ausmaß erreicht, müssen wir unserem Willen Recht verschaffen und sofort Zuflucht in einem sicheren Hafen suchen.

In den Hadithen wird darauf aufmerksam gemacht, dass nach einem verbotenen Akt – zu dem das Auge hinblickt, der Fuß hingeht, die Hand greift und der schließlich einen bestimmten Punkt erreicht – eine Umkehr für den Menschen kaum noch möglich ist. Deshalb wird dem Menschen geraten, sofort umzukehren, wenn er in solche negativen und sündhaften Gedanken versinkt. Der verbotene Blick ist eine Gefahr, der man entgegenwirken und die man durch Willenskraft vermeiden kann.

Die Kraft unseres Willens reicht aus, um unsere Augen zu schließen. Wenn wir jedoch unseren Blick nicht vom Verbotenen abwenden, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Umkehr. Der Mensch gerät manchmal in eine solche Strömung, dass er – selbst wenn er seine Taten bereut und sich aus dieser Situation befreien will – nicht mehr zurückkehren kann.

In einem Hadith heißt es: „Wer sich vor den zweifelhaften Dingen hütet, der hält seine Religion und seine Ehre rein.“.[6] Sich in zweifelhafte Bereiche zu begeben, ist wie das Wandern auf einem Minenfeld. Ein Mensch, der sich dort aufhält, kann jeden Moment Opfer einer Explosion werden.

Der Gesandte Gottes (F.s.m.i) sagt an einer anderen Stelle: „Ein Mann soll niemals mit einer fremden Frau allein sein, außer wenn ein Mahrem (ein naher, heiratsunfähiger Verwandter) bei ihr ist.“[7]

Das Prinzip der Gegenseitigkeit und die spirituelle Belohnung

Menschen ernten den Lohn für ihre Taten im Allgemeinen in der gleichen Art und Weise, wie sie gehandelt haben. Wenn wir anderen mit Wohlwollen (Husn-u Zan) begegnen, werden auch sie uns mit Wohlwollen begegnen. Wenn wir Menschen mit Zuneigung und Liebe umarmen, werden auch sie uns ihre Herzen mit Zuneigung und Liebe öffnen. Wenn wir Menschen Gutes und Edles tun, werden sie uns mit Gutem und Edlem antworten. Denn unsere Güte ist ein Mittel, um das Gute in ihnen zu wecken.

Ein letzter Punkt: Je stärker die negativen Gefühle, Begierden und Neigungen in einem Menschen sind, desto mehr Zuflucht sucht er in dieser Situation bei seinem Herrn. Wenn er seinem Willen das gibt, was ihm zusteht, schenkt Gott, der Erhabene, diesem Menschen im Gegenzug ein Vielfaches Seiner Gnaden, um diese Hürden zu überwinden. Er nimmt diesen Menschen und führt ihn in einem vertikalen Aufstieg zum Horizont der Gottesfreundschaft.

Der Mensch ist das edelste aller Geschöpfe (Aschref el-Makhlūqāt). Daher ist es von großer Bedeutung, dass er seinen Verstand, seine Logik und seine Scharfsinnigkeit nutzt, um Keuschheit und Unschuld zu bewahren. Aus dieser Perspektive müssen Menschen, die keinen Makel auf ihre eigene Keuschheit kommen lassen wollen, auch gegenüber der Keuschheit anderer achtsam sein. Wenn wir das Thema aus einer allgemeinen Perspektive betrachten, wird deutlich, dass ein Gläubiger, der ein Repräsentant von Sicherheit und Frieden ist, dieselbe Sensibilität, die er beim Schutz der eigenen Ehre und Würde zeigt, auch beim Schutz der Ehre und Würde anderer an den Tag legen sollte.

In einer Zeit wie dieser bedarf es daher wundergleicher Haltungen, die diese Strömung umkehren können, und Helden des Willens, die solche Haltungen an den Tag legen können. Wenn in dieser Angelegenheit die von unser Religion gesetzten Disziplinen nicht eingehalten werden und man in diesem Punkt keine Prinzipien besitzt, bedeutet das, dass jeder Einzelne von uns derselben Gefahr ausgesetzt ist.

Möge unser Herr niemanden – weder die Jugend noch die älteren Generationen – in den Sumpf der Unkeuschheit fallen und beschämt werden lassen. Und sollten sie hineingefallen sein, möge Er ihnen Wege schenken, sich aus dieser Beschämung wieder zu befreien. Amin!


[1] Sure en-Nūr; 24:30

[2] Sure Yūsuf; 12:33

[3] Sure Maria; 19:16

[4] Sure el-Isrā; 17:32

[5] et-Tabarānī, El-Mu’cemu’l-kebīr, 10/173; El-Hākim, El-Mustedrek, 4/349)

[6] Bukhārī, Īmān, 39

[7] Bukhārī, Nikāh, 111

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