Das erkennen der eigenen Fehler

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

يَٓا اَيُّهَا الَّذٖينَ اٰمَنُوا عَلَيْكُمْ اَنْفُسَكُمْۚ لَا يَضُرُّكُمْ مَنْ ضَلَّ اِذَا اهْتَدَيْتُم

O ihr, die ihr glaubt! (Beschäftigt euch nicht mit denen, die andere Wege befolgen!) Ihr seid nur für euch selbst verantwortlich (deshalb kümmert euch darum, wie ihr auf eurem eigenen Weg vorankommt). Jene, die irregehen, können euch keinen Schaden zufügen, solange ihr selbst rechtgeleitet seid (und darum den richtigen Weg erkennt und ihn deshalb ohne Abweichung befolgt)[…][1]

In einer Überlieferung des Propheten (F.s.m.i) heißt es:

طُوبَى لِمَنْ شَغَلَهُ عَيْبُهُ عَنْ عُيوبِ النَّاسِ

“Freude jenem, wen sein eigenes Fehlverhalten davon abhält, sich mit den Fehlern anderer zu beschäftigen.”[2]

Ehrenwerte Musliminnen und Muslime!

Unsere heutige Predigt handelt von „Das Erkennen der eigenen Fehler“.

Als Menschen leben wir in einer Welt, die voller Fehler und Mängel ist. Daher ist es möglich, dass wir in die Fallen unseres eigenen Nefs und des Satans geraten und Fehler begehen. Entscheidend ist jedoch, diese Mängel zu erkennen und sich darum zu bemühen, sie zu korrigieren. Denn solange wir unsere eigenen Fehler nicht kennen, ist es uns nicht möglich, uns von ihnen zu befreien. Das größte Geschenk Gottes an einen Menschen besteht darin, dass Er ihm seine eigenen Fehler und Mängel erkennen lässt.

Seine eigenen Fehler wahrzunehmen, ist der erste Schritt, um diese Mängel zu beseitigen. In dieser Hinsicht benötigen wir Wege und Methoden, die uns unsere Defizite aufzeigen.

Zunächst müssen wir uns unseren religiösen Quellen zuwenden. Der edle Koran und die authentische Sunna sind die wichtigsten Quellen, die uns den richtigen Weg weisen. Indem wir uns auf diese Quellen beziehen, müssen wir die Gebote und Verbote unserer Religion kennenlernen und zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen unterscheiden. Zu diesem Zweck sollten wir Bücher über die Grundlagen des islamischen Glaubens und der religiösen Praxis sowie Bücher über Ethik und Charakterbildung lesen. Durch die Lektüre dieser Werke können wir die im Islam eindeutig festgelegten Verbote und Erlaubnisse, die schlechten und guten Taten sowie die Gefahren kennenlernen, die den Menschen ins Verderben führen.

Ein weiterer Weg, unsere Fehler zu erkennen, besteht darin, uns durch Nachdenken, innere Selbstbeobachtung und Selbstabrechnung selbst zu hinterfragen. Ein Mensch, der sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt, sich nicht selbst hinterfragt und die auftretenden Probleme nicht auf seine eigenen Fehler zu Beginn einer Angelegenheit oder während ihrer Umsetzung zurückführt, sucht ständig außerhalb seiner selbst nach Schuldigen. Doch er kann weder den Schuldigen finden noch sich von seinen Fehlern befreien. Wer hingegen in sich geht und sich selbst fragt: „Welchen Fehler habe ich gemacht, dass wir auf ein solches Problem gestoßen sind, obwohl alles gut lief?“, und sich selbst zur Rechenschaft zieht, wird mit Gottes Erlaubnis und Seiner Hilfe die Hindernisse vor sich überwinden und bei seinen Vorhaben erfolgreich sein. Bevor wir zur Rechenschaft gezogen werden, sollten wir uns selbst zur Rechenschaft ziehen. Selbst bei unseren guten Taten sollten wir uns aus Sorge darüber, dass sich darin möglicherweise unreine Gedanken befinden, ständig Gott zuwenden.

Eine weitere Methode besteht darin, treue Freunde zu gewinnen, die uns auf unsere Fehler hinweisen, uns warnen und uns wieder auf den richtigen Weg führen.

Obwohl unser Prophet (F.s.m.i) dessen nicht bedurfte, war der Engel Gabriel, Friede sei mit ihm, sein Gefährte. Ebenso hatte jeder der herausragenden Gefährten des Propheten (F.s.m.i) einen Freund, der ihn an seine Fehler und Mängel erinnerte. Der Prophet Muhammed (F.s.m.i) machte seine Gefährten zu Brüdern untereinander. Jeder Bruder half seinem Bruder und stand ihm bei. Gleichzeitig standen sie ihren Brüdern auch im Hinblick auf das Jenseits bei, zeigten ihnen ihre guten Seiten und erinnerten sie an ihre Fehler und Mängel.

Als der Ehrwürdige ’Umar mit Selmān el-Farisī (Gott habe Wohlgefallen mit ihnen) zusammenkam, fragte er ihn, ob er irgendeinen Fehler an ihm feststellen könne. Ebenso suchte ’Umar Huzeyfe auf und sagte zu ihm: „Unser Prophet (F.s.m.i) hat dir die Heuchler namentlich genannt. Um Gottes willen, sag mir: Bin ich einer von ihnen?“

Ein wichtiger Punkt ist: Wenn eine Sünde begangen wurde, darf sie nicht vergessen werden. Dass man sich ihrer stets mit Trauer und innerem Schmerz erinnert, verhindert, dass man neue Fehler begeht. Wenn ein Mensch in eine der Gruben der Sünde gefallen ist, sollte er sich ohne Zeit zu verlieren durch die Reue erneuern. Er sollte die Scham über die begangene Sünde sein ganzes Leben lang in seinem Gewissen spüren, von ihr innerlich gebeugt sein und sich ständig selbst hinterfragen. Eine solche Betrachtung und eine solche Haltung können nicht nur den begangenen Fehler auslöschen, sondern dem Menschen anstelle dieses Fehlers sogar eine gute Tat als Verdienst einbringen. Wir können diesen Zustand als den Verdienst des inneren Schmerzes, den Verdienst einer erneuten Hinwendung zu Gott und den Verdienst einer erneuten Reue für eine frühere Sünde bezeichnen.

Ehrte Gläubige!

Über Jahrhunderte hinweg haben zahlreiche Gelehrte nach verschiedenen Wegen und Methoden gesucht und solche entwickelt, durch die der Mensch seine eigenen Fehler erkennen kann. Denn ein Mensch, der seine eigenen Fehler nicht erkennen kann, steht in Gefahr, zusammen mit seiner Menschlichkeit alles zu verlieren. Denn der Verfall des Menschen gleicht keinem anderen Verfall. Wenn der Mensch verdorben wird, zieht dies nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie, die gesamte Menschheit und seine Umwelt ins Verderben. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu Frieden und Erlösung sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits.

Wer sich mit den Fehlern anderer beschäftigt, verbringt sein ganzes Leben damit, selbst immer wieder Fehler zu begehen. Ein Mensch, der sich dem Beschuldigen anderer hingibt, erkennt sein ganzes Leben lang seine eigenen Fehler nicht und wirft ständig anderen Schmutz vor. Der Gesandter Gottes (F.s.m.i) sagte zu demjenigen, der sagte: „Dieser ist verdorben, jener ist verdorben und auch der da ist verdorben“, sinngemäß: „Der eigentlich Verdorbene ist er selbst“ und fügte folgendes hinzu: „Wer sagt: ‚Die Menschen sind zugrunde gegangen‘, der ist selbst zugrunde gegangen.“

Ohne es überhaupt zu bemerken, beginnt ein solcher Mensch damit, andere zu tadeln und ihre Fehler anzuprangern. Letztlich kehrt dies früher oder später zu ihm selbst zurück. Unser Prophet (F.s.m.i) sagte:

مَنْ عَيَّرَ أَخَاهُ بِذَنْبٍ لَمْ يَمُتْ حَتَّى يَعْمَلَهُ

„Wer seinen Bruder wegen einer Sünde tadelt, wird nicht sterben, bevor er diese Sünde nicht selbst begangen hat!“

Ob dies in einem größeren oder kleineren Kreis geschieht,  sei es gegenüber ihm selbst, seinen Kindern und Angehörigen, seiner Ehefrau oder seinem Gefährten, Gott wird ihn einer Sache aussetzen, die ihn gewiss schmerzlich trifft.

Anstatt die Sünden der Menschen aufzudecken, sollten wir sie durch Reue und die Bitte um Vergebung dazu führen, sich Gott zuzuwenden. Über den Propheten Mose (F.s.m.i) wird folgende Begebenheit überliefert: Obwohl er gemeinsam mit seinen Gefährten mehrmals zum Gebet um Regen hinausging, fiel kein Regen. Daraufhin erhob der Prophet Mose (F.s.m.i), ein Prophet von großer Entschlossenheit, seine Hände und sagte: „O mein Herr, Du hast befohlen, und ich bin hinausgegangen, um um Regen zu bitten. Doch es regnet nicht.“ Gott ließ ihn wissen, dass sich unter der Gemeinschaft sündige Menschen befänden und dass Er ihretwegen keinen Regen sende. Der Prophet Mose (F.s.m.i) fragte, wer diese Menschen seien. Gott aber sagte: „Ich werde die Sünde Meines Dieners nicht offenbaren. Tut alle Buße, dann werden auch sie in eurer Mitte Buße tun, und Ich werde euer Gebet erhören.“

In solchen Situationen besteht die richtige Vorgehensweise darin, gemeinsam Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten. Das ist die göttliche Moral. Unsere Aufgabe ist es, uns darum zu bemühen, diese Moral zu besitzen.

Nicht andere, sondern uns selbst zu hinterfragen, ist das Entscheidende. Ein Mensch eines reinen Herzens ist stets mit sich selbst und seinen eigenen Fehlern beschäftigt und kann sich deshalb nicht mit den Mängeln anderer beschäftigen. Ganz im Gegenteil: Statt sich mit anderen zu beschäftigen, zeigt er bei jeder Gelegenheit durch sein eigenes Verhalten das Beispiel eines guten Menschen, führt sie zu höheren Horizonten und wird für alle zu einem vorbildlichen Beispiel. Er sieht über die Fehler und Mängel der Menschen hinweg, begegnet ihren negativen Verhaltensweisen mit einem Lächeln, begegnet ihren schlechten Taten mit guten Taten und denkt selbst dann nicht daran, jemanden zu verletzen, wenn er fünfzigmal von dieser Person gekränkt wurde.

Möge unser Herr zu den Dienern machen, die ihre eigenen Fehler erkennen, sich darum bemühen, sich zu korrigieren, und ein Leben führen, das Seinem Wohlgefallen entspricht. Amin!


[1] Sure el Māʾide 5:105

[2] Beyhāqī, Schuʿab elʾīmān, 13|42

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