Besinnungs- und Lesetage

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

فَاذْكُرُونِي أَذْكُرْكُمْ وَاشْكُرُوا لِي وَلَا تَكْفُرُونِ

„Gedenkt also (zum Dank für all dies) stets Meiner und gedenkt Meiner (wenn das Pflichtgebet fällig wird), damit (auch) Ich eurer gedenke und euch erwähne (wenn das Gericht und die Vergeltung fällig wird); und seid Mir dankbar, und verleugnet Mich nicht.“[1]

Der Gesandte Gottes (F.s.m.I) sagte:

قالَ رسولَ اللَّه: مَا اجْتَمَعَ قَوْمٌ في بيْتٍ مِنْ بُيُوتِ اللَّهِ تعالى يَتْلُونَ كِتَابَ اللَّهِ وَيَتَدَارَسُونَهُ بَيْنَهُمْ إِلَّا نَزَلَتْ

عَلَيْهِمُ السَّكِينَةُ، وَغَشِيَتْهُمُ الرَّحْمَةُ، وَحَفّتْهُمُ الْمَلاَئِكَةُ، وَذَكَرَهُمُ اللَّهُ فِيمَنْ عِنْدَهُ

„Wann immer sich eine Gruppe in einem der Häuser Gottes versammelt, um das Buch Gottes zu lesen und es gemeinsam zu studieren, dann wird über sie innerer Frieden herabgesandt, Barmherzigkeit umhüllt sie, die Engel umgeben sie, und Gott  erwähnt sie bei denen, die bei Ihm sind“[2]

Ehrenwehrte Musliminnen und Muslime! Unsere heutige Predigt handelt von der „Bedeutung der Besinnungs- und Lesetage für unser geistliches Leben“.

Im Laufe der Geschichte haben alle Propheten (F.s.m.i) sich von Zeit zu Zeit vom Lärm der Gesellschaft zurückgezogen, um nachzudenken, Gott zu dienen und ihre Seele zu läutern. So verbrachte Moses (F.s.m.i) vierzig Tage auf dem Berg Sinai, um sich auf die göttliche Offenbarung vorzubereiten und seinem Herrn näherzukommen.

Der Prophet Muhammed (F.s.m.i) verbrachte bereits vor seiner Prophetenschaft auf dem Berg Nūr in der Höhle Ḥira viele Tage, manchmal sogar länger als einen Monat, mit Kontemplation und Gottesdienst. Auch in der Zeit von Medina zog er sich in jedem Ramadan für zehn Tage zum ʾIʿtikāf zurück und zeigte seiner Gemeinschaft damit das schönste Beispiel einer geistlichen Einkehr. Er ermutigte sowohl Männer als auch Frauen zu dieser gottesdienstlichen Handlung.

Auch die geistlichen Wegweiser unserer Zeit haben auf dieselbe Notwendigkeit hingewiesen. So empfahl einer der bedeutenden Wegweiser unserer Epoche zunächst, jährlich ein bis zwei Monate, später einen Monat und in den letzten Jahren seines Lebens allen Menschen, jung oder alt, Mann oder Frau, wenigstens zehn Tage im Jahr für Besinnungs- und Lesetage einzuplanen, die mit Wissenserwerb, Gottesdienst, Kontemplation und Selbstprüfung verbracht werden.

Ehrte Gläubige!

Das Leben, das der Islam von uns verlangt, bedeutet nicht, vor den Menschen zu fliehen, sondern mitten unter ihnen zu leben und gleichzeitig mit Gott verbunden zu sein. Der Prophet Muhammed (F.s.m.i) verkündete, dass der gläubige Mensch, der unter den Menschen lebt und ihre Schwierigkeiten geduldig erträgt, vorzüglicher ist als jemand, der sich von der Gesellschaft fernhält. Dennoch braucht der Mensch von Zeit zu Zeit ruhige Orte und friedvolle Umgebungen, um sein geistliches Leben zu bewahren. Genau hier bieten Besinnungs- und Lesetage, Leseprogramme und geistliche Zusammenkünfte eine wertvolle Gelegenheit.

Diese Programme dienen nicht bloß der Erholung oder dem Zeitvertreib. Vielmehr sind sie gesegnete Zeiten, in denen Herz und Seele neue Kraft schöpfen, der Mensch sich selbst begegnet, seine Mängel erkennt und sich seinem Herrn erneut zuwendet.

Der Wert von Besinnungs- und Lesetagen zeigt sich darin, wie sinnvoll die gemeinsame Zeit genutzt wird. Deshalb sollten solche Programme mit dem Rezitieren des Korans, Bittgebeten, Gottesgedenken (Dhikr), Wissensvermittlung, gemeinsamen Gesprächen über religiöse Themen und tiefer Kontemplation erfüllt werden. Jedes gelesene Buch, jeder gemeinsame Austausch und jede erkannte Wahrheit stärkt den Glauben, erweitert den Horizont und vertieft das Bewusstsein für den Dienst an der Religion.

Bei vielen Besinnungs- und Lesetagen in der Vergangenheit kamen junge Menschen und Menschen mit einem reinen Herzen voller Aufopferungsbereitschaft zusammen. Mit einfachen Mitteln verbrachten sie ihre Tage mit Wissenserwerb und Gottesdienst. Ihre Nächte belebten sie durch das Lesen des Korans, durch Bittgebete und durch das inständige Flehen zu ihrem Herrn. Dank ihrer Aufrichtigkeit und ihres reinen Herzens wurden selbst die bescheidensten Orte zu wahren Stätten der Spiritualität.

Heute brauchen wir solche Programme mehr denn je. Denn in unserer Zeit gibt es unzählige Einflüsse, die unsere Augen, Ohren und Herzen verunreinigen können. Auf der Straße, am Arbeitsplatz, in den Medien und in der digitalen Welt begegnen uns zahllose Gefahren, die das geistliche Leben des Menschen schwächen. Besinnungs- und Lesetage sowie Leseprogramme wirken wie geistliche Gewächshäuser, die uns vor diesen schädlichen Einflüssen schützen. Dort erinnert sich der Mensch wieder an seine Dienerschaft gegenüber Gott und richtet sein Leben neu aus.

Während dieser Programme sollte neben dem Lesen von Büchern auch eine ehrliche Selbstprüfung stattfinden. Die Gottesdienste sollten vermehrt und die Geschwisterlichkeit gestärkt werden. Leere und nutzlose Worte gilt es zu meiden. Stattdessen sollte die Zeit mit Wissen, Kontemplation und dem Gottesgedenken erfüllt werden. Denn Gott der Erhabene spricht: „Gedenkt Meiner, so werde auch Ich eurer gedenken.“

Nutzen wir daher jede Gelegenheit, unsere Kinder, unsere Jugendlichen und auch uns selbst zu Besinnungs- und Lesetagen und Leseprogrammen zu führen, in denen Wissen, Gottesdienst und gutes Benehmen im Mittelpunkt stehen. Bemühen wir uns deshalb in diesen Programmen besonders darum, unsere Seelen zu erneuern, unseren Glauben zu stärken und unserem Herrn näherzukommen.

Beenden wir unsere Predigt mit einigen Abschnitten aus dem Artikel „Die Zeit der Besinnungs- und Lesetage“ vom Lehrmeister Fethullah Gülen:

“Für mich waren Besinnungs- und Lesetage ein gesegneter Ort, an dem Barmherzigkeit und Liebe sanft und unaufhörlich wehten. Dort waren wir alle wie Bienen in einem Bienenstock der Seele: Mit einer Hand bei den Blumen und mit der anderen an den Waben gingen wir ständig zwischen Blütennektar und Honig hin und her. Dieses Gefühl und diese Gedanken waren so tief mit unserer Seele verschmolzen, dass ich sie trotz der vielen vergangenen Jahre noch immer mit meinem ganzen Herzen, meiner ganzen Seele und meinem ganzen Wesen lebendig empfinde.

Ich möchte nicht glauben, dass eine so lichtvolle und segensreiche Vergangenheit verloren gehen könnte. Denn auch wenn jene Tage nur eine kurze Zeitspanne dauerten, wurden sie für uns zu einem Aussichtspunkt auf die gesamte Vergangenheit und zugleich zu einer Zwischenstation, in der die Träume der ganzen Zukunft Gestalt annahmen.

Immer wenn ich in den Erinnerungen meiner Seele suche, erkenne ich, dass jene sanften, liebevollen, beinahe zauberhaften und poetischen Tage noch immer lebendig in mir sind. Wie Rosen, die unabhängig von jeder Jahreszeit immer wieder neu erblühen, verwelken sie nie endgültig, sondern öffnen sich stets aufs Neue. Sie entzünden in meiner Seele die schönsten Gefühle und lassen Erinnerungen so lebendig werden, dass ich mich noch immer unter den sanft rauschenden Bäumen zu befinden glaube. In meinem Inneren höre ich das Zirpen der Zikaden, vermischt mit den Tesbīḥ-, Temdjīd- und Lobpreisungen der lichtvollen Schülerinnen und Schüler, die gemeinsam einen einzigartigen Chor bildeten. Mit einer süßen Wehmut lächle ich dann meinem Schicksal entgegen.

Wenn uns auf unserer Reise ins Jenseits die Möglichkeit gegeben würde, eine einzige Erinnerung mitzunehmen, dann würde ich ohne Zweifel die leuchtenden, geheimnisvollen, traumhaften und frühlingsgleichen Erinnerungen an die Besinnungs- und Lesetage mitnehmen.”

Möge Gott unsere Herzen durch den Koran lebendig machen, uns beständig auf dem Weg des Wissens und der Weisheit halten und die Besinnungs- und Lesetage zu einer Quelle des Guten, des Segens und der Erneuerung für die Umma werden lassen. Amin!


[1] Sure Baqara 2: 152

[2] Muslim, Ḏikr 38, 2699

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