Aktive Bürgerschaft und Beitrag zur Gesellschaft

بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

وَتَعَاوَنُوا عَلَى الْبِرِّ وَالتَّقْوٰىۖ وَلَا تَعَاوَنُوا عَلَى الْاِثْمِ وَالْعُدْوَانِۖ وَاتَّقُوا اللّٰهَۜ اِنَّ اللّٰهَ شَد۪يدُ الْعِقَابِ

„…Helft einander in Güte und Gottesfurcht; helft einander nicht bei Sünde und Feindseligkeit. Fürchtet Gott; wahrlich, Gottes Strafe ist sehr streng.“[1]

Ehrenwehrte Musliminnen und Muslime!

Unsere heutige Predigt handelt von der aktiven Bürgerschaft und dem Beitrag zur Gesellschaft.

Der Koran beschreibt den Menschen als ein Wesen, das auf der Erde Verantwortung trägt. Diese Verantwortung beschränkt sich nicht nur auf die Dienerschaft Gottes in Form individueller Gottesdienste, sondern umfasst auch ein vielfältiges Bewusstsein für Aufgaben, die unmittelbar auf das gesellschaftliche Leben ausgerichtet sind, wie die Fürsorge für Bedürftige, der Schutz von Waisen sowie die Aufrechterhaltung von gegenseitiger Hilfe und Solidarität. Der Gläubige muss in diesem vom Koran vorgegebenen Rahmen nicht nur auf seine eigene Erlösung bedacht sein, sondern auch zum Frieden und Wohlergehen seiner Umgebung beitragen.

Gott, der Erhabene, fordert in der Sure Āl-Imrān die Gläubigen zu einem gemeinschaftlichen sozialen Bewusstsein auf, indem Er sagt: „Unter euch soll es eine Gemeinschaft geben, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Das sind diejenigen, die erfolgreich sind.“[2]

Dieser Vers macht deutlich, dass ein Teil der Gesellschaft sich stets mit dem Guten beschäftigen und alle Möglichkeiten der Bildung und Erziehung nutzen sollte, um das Gute in der Gesellschaft zu verbreiten. Zugleich wird ihnen die frohe Botschaft gegeben, dass sie dadurch Erfolg erlangen werden.

Der Koran bezeichnet den Menschen als „Statthalter auf der Erde“.[3]  Muslime zeigen eine zeitgemäße Ausprägung dieses Verständnisses von „Statthalterschaft“, indem sie sich in den Gesellschaften, in denen sie leben, durch aktive Bürgerschaft dafür einsetzen, Gerechtigkeit, Bildung, soziale Unterstützung, Umweltbewusstsein und eine Kultur des Dialogs zu fördern.

In einem weiteren Vers zu diesem Thema wird deutlich gemacht, dass es ein Maß für den Wert des Menschen ist, anderen von Nutzen zu sein. Dort heißt es: „Was immer ihr an Gutem tut, ihr werdet es bei Gott finden.“[4]

Nach diesem Vers werden die guten Taten eines Menschen niemals verloren gehen, und der Erhabene wird ihnen gewiss auf eine Weise entsprechen, die Seiner Würde angemessen ist.

Der Koran beschränkt sich nicht darauf, den Gläubigen zu sagen, dass sie Gutes tun sollen, sondern erklärt auch ausführlich, worin das Gute besteht und wie es verwirklicht wird.[5]

Der Vers macht deutlich, dass es allein nicht das Maß für Güte und Gottesfurcht sein kann, dass ein Gläubiger sein Gesicht zur Gebetsrichtung wendet. Entscheidend ist vielmehr, den geglaubten Werten treu zu bleiben und moralische Werte im eigenen Leben umzusetzen. Wahre Güte wird dadurch möglich, dass Wissen in Glauben und Glaube in Handeln übergeht und der Mensch nicht nur gegenüber seinem Herrn, sondern auch gegenüber der Menschheit Verantwortung trägt. Genau darin liegt das Wesen der wahren Güte, wie sie im Koran beschrieben wird.

Hadithe und die vorbildliche Lebensweise

Im Leben unseres Propheten (F.s.m.i.) finden sich zahlreiche Beispiele für soziale Solidarität und gesellschaftlichen Einsatz: das Interesse an allen Teilen der Gesellschaft, das Unterstützen der Schwachen, die Fürsorge für Waisen, der Respekt gegenüber älteren Menschen, der Besuch von Kranken und die Unterstützung Bedürftiger. Diese Beispiele zeigen sowohl die schönste praktische Umsetzung des islamischen Verständnisses von aktiver Bürgerschaft als auch den Kern einer auf den Menschen ausgerichteten Kultur der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Ein besonders umfassender Hadith zu diesem Thema lautet: „Der beste der Menschen ist derjenige, der den Menschen am meisten nützt.“[6]

Wenn wir diese Aussage des Gesandten Gottes (F.s.m.i.) aufmerksam betrachten, erkennen wir darin die Empfehlung an Muslime, innerhalb ihres Bewusstseins als aktive Bürger den Menschen in der Gesellschaft, in der sie leben, unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht oder Beruf von Nutzen zu sein.

Auch ein Koranvers, der zu einer Zeit offenbart wurde, als die Beziehungen zwischen den Muslimen und den Polytheisten von Mekka äußerst angespannt waren, gebietet Güte, Gerechtigkeit und Unparteilichkeit:

„Was diejenigen Ungläubigen betrifft, die nicht wegen eurer Religion gegen euch kämpfen und euch nicht aus euren Häusern vertreiben, so verbietet euch Gott nicht, ihnen Güte zu erweisen und ihnen gegenüber gerecht und unparteiisch zu sein. Denn Gott liebt diejenigen, die gerecht handeln.“[7]

Als unser Prophet (F.s.m.i.) einmal mit seinen Gefährten zusammen war, hielt er seinen Zeigefinger und Mittelfinger zusammen sodass nur ein kleiner spalt offen war und sagte: „Ich und derjenige, der sich um eine Waise kümmert, werden im Paradies so zusammen sein.“[8]

Waisen gehören zu den verletzlichsten, traurigsten und je nach Situation hilfsbedürftigsten Mitgliedern der Gesellschaft. Auch Kinder, deren Mutter oder Vater sich heutzutage im Gefängnis befindet, gelten in diesem Zusammenhang als Waisen.

Mit dieser Aussage fordert der Gesandter Gottes (F.s.m.i.) dazu auf, gegenüber den Menschen in unseren Gesellschaften, die auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, aufmerksam und sensibel zu sein und ihnen die Hand zu reichen.

Aktive Bürgerschaft besteht nicht nur aus Verhaltensweisen, die einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten. Auch das Verhindern von Übel und das Nicht-Gleichgültigsein gegenüber negativen Entwicklungen können in diesem Zusammenhang betrachtet werden.

Der folgende Hadith betont, dass auch das Verhindern des Bösen eine Verpflichtung ist:

„Wer von euch etwas Verwerfliches sieht, soll es mit seiner Hand verändern. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seiner Zunge. Wenn er auch dazu nicht in der Lage ist, dann soll er es mit seinem Herzen ablehnen. – Er soll das Böse nicht unterstützen, sondern eine Haltung dagegen einnehmen und versuchen, sowohl denjenigen, der Unrecht tut, als auch denjenigen, dem Unrecht widerfährt, davon zu befreien. – Dies ist die schwächste Stufe des Glaubens.“[9]

Auf Fehler und Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu reagieren und Verantwortung zu übernehmen, ist nicht nur die Aufgabe von Führungspersönlichkeiten oder Gelehrten. Jeder Einzelne trägt Verantwortung sowohl für den Frieden als auch für den Niedergang seiner Umgebung.

Islamische Gelehrte sind der Auffassung, dass der Frieden und das Wohlergehen der Gesellschaft nur dadurch möglich sind, dass die Menschen einander kennenlernen, Brücken zwischen Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen, Kulturen und Denkweisen bauen, jeden Menschen in seiner jeweiligen Stellung akzeptieren und sich auf der gemeinsamen Grundlage der Menschlichkeit begegnen.

In diesem Zusammenhang können wir aus der Ansiedlung der Familie des Propheten Josef (F.s.m.i) in Ägypten Lehren im Hinblick auf Integration ziehen. Er war durch seine Moral und durch die von ihm geschaffene Atmosphäre der Liebe, Toleranz und des Dialogs ein gutes Beispiel für Integration.

Zunächst gewann er die Zuneigung von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Er begegnete der Stellung der Führungspersönlichkeiten sowie den Bräuchen und Traditionen der einheimischen Bevölkerung mit Respekt. Dabei berücksichtigte er sowohl das Wohl der Bevölkerung als auch die Empfindlichkeiten der Verwaltung.

Als er Verantwortung in der Verwaltung übernahm, begegnete er der Bevölkerung nicht herrisch oder unterdrückend und ließ bei ihnen keine Sorge entstehen, sich anpassen oder ihre eigene Identität aufgeben zu müssen.

Der Prophet Josef (F.s.m.i.) handelte stets mit dem Gefühl des Ihsān. Er bemühte sich, die Herzen der Menschen zu gewinnen, verbesserte die Verhältnisse in der Region, löste eine äußerst bedeutende Katastrophe wie die Hungersnot und verlor trotz all der negativen Erfahrungen, die er durchmachte, niemals sein Vertrauen auf Gott. Er rebellierte niemals, ließ sich nicht von Verbitterung oder Groll bestimmen und blickte stets hoffnungsvoll in die Zukunft.

So besteht auch unsere Aufgabe darin, niemals müde zu werden und nicht aufzugeben, sondern uns darum zu bemühen, der Gesellschaft und der Umgebung, in der wir leben, von Nutzen zu sein, und mit Hoffnung Anstrengungen zu unternehmen.

Je mehr Hoffnung zunimmt und sich verbreitet, desto mehr wird sie zu etwas, das wie ein Gebet dem Erhörtwerden nahekommt.

Lasst uns daher stets voller Hoffnung leben und keinen Augenblick die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit, Seine Vergebung und Seine Hilfe verlieren.


[1] Sure Māʾide 5:2

[2] Sure Âl-i İmrân, 3:10

[3] Sure Bakara, 2: 30

[4] Sure Bakara 2:110

[5] Sure Bakara, 2:177

[6] Kenzu’l-ʿUmmal, h. 43157

[7] Mumteḥine, 60:8

[8] Bukhārī, Ṭalāq 25, Edeb 24

[9] Muslim, Īmân, 78

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